Tragikomödie

„Zuckersand“ erzählt von Kindheitsträumen in der DDR

| Lesedauer: 4 Minuten
Wolfgang Platzeck

Foto: BR/Julie Vrabelova

Die ARD-Tragikomödie „Zuckersand“ erzählt von den massiven Folgen einer absurden politischen Realität für zwei zehnjährige Jungen.

Hamburg.  In zehn Jahren wird er nach Australien fliegen. Für dieses Ziel möchte Fred noch intensiver trainieren, das ist er seinem Freund Jonas schuldig. Weil dann, 1989, die DDR im Rahmen ihrer Feiern zum 40-jährigen Bestehen ihre erfolgreichen Sportkader stolz aller Welt präsentieren will. Und Fred will dazugehören – als neuer Star unter den Langstreckenläufern.

Dass 1989 für ein anderes historisches Ereignis steht als den 40. Jahrestag der DDR, ist kein Thema. Wenn Dirk Kummers (Regie und Buch) eindringliches TV-Drama „Zuckersand“ endet, liegen Mauerfall und Wiedervereinigung noch außerhalb jeglichen Vorstellungsbereiches. Nichts – kein Ereignis, kein Dialog, kein Kameraschwenk, keine bedeutungsschwangere Musik – deutet auf den baldigen Untergang des Staates hin.

Der Vorteil einer Kopfreise: Man kommt überallhin

Brandenburg/DDR 1979. Die Menschen in Falkenwerder leben in der Gewissheit, dass der Ist-Zustand ein dauerhafter sein wird. Entsprechend ausgerichtet sind die Lebensentwürfe. Hier verbringen die Freunde Fred Ernst (Tilman Döbler) und Jonas Gramowsi (Valentin Wessely) eine unbeschwerte, wohlbehütete Kindheit. Von Politik verstehen die Zehnjährigen nichts, den ideologischen Unterricht nehmen sie hin, Religion und Sozialismus sind für sie kein Widerspruch. Und die Grenzen, von denen die Erwachsenen reden, die muss man doch irgendwie überwinden können.

Am besten, so unterstützt der Nachbar ­Kaczmareck (Hermann Beyer) die Träume und Fantasien der Kinder, reist man ohnehin im Geist. Wirklich frei sind nur die Gedanken. „Das Gute an so einer Kopfreise ist, du kommst wirklich hin, wo du hinwillst.“ Als dann noch Jonas’ alleinerziehende Mutter (Deborah Kaufmann) beim Anblick eines Bumerangs, den Kaczmareck den beiden schenkt, von den Aborigines in Australien erzählt und von deren Glauben an eine „Traumzeit“, an eine Welt ohne Raum und Zeit, fassen die Jungs einen folgenschweren Entschluss. Sie wollen durch den lockeren Brandenburger Zuckersand geradewegs ein Loch durch die Erde buddeln.

Jonas’ Mutter stellt einen Ausreiseantrag

Dann verändert sich die Situation dramatisch. Olivia Gramowski hat einen Ausreiseantrag gestellt, gilt fortan als Klassenfeindin. Freds Vater (Christian Friedel), Offizier beim Grenzschutz, will seinem Sohn deshalb den Umgang mit Jonas verbieten, wird von seiner Frau (Katharina Marie Schubert) dabei nur halbherzig unterstützt.

Doch die Freundschaft der Jungen ist stärker. „Wir sehen uns spätestens in Australien“, versichert Fred, als der Tag der Ausreise da ist. Auch als Jonas nie in West-Berlin ankommt, spurlos verschwunden zu sein scheint, hält Fred unerschütterlich an dem gemeinsamen Traum fest. Wenn er durch Buddeln nicht nach Australien kommen kann, dann eben etwas später durch Laufen.

Es geht um den Wert der Freundschaft – um Haltung

Tilman Döbler und Valentin Wessely sind eine Glücksbesetzung in einem leicht autobiografisch gefärbten Film, der aus der Sicht zweier Jungen von den massiven Auswirkungen einer absurden politischen Realität erzählt, aber mehr thematisiert als Systeme und Ideologien. Es geht um den Wert der Freundschaft, um Selbstüberprüfung und Integrität – um Haltung.

Im Gegensatz zu den erfolgreichen Komödien, Dramen oder Polit-Spieldokus, die in den Jahrzehnten seit der Wende entstanden sind und in denen der DDR-Alltag oft einseitig dargestellt wird, setzt der aus Brandenburg stammende Dirk Kummer auf maximale Authentizität und Unvoreingenommenheit. Das betrifft nicht nur Milieu und stilgerechte 70er-Jahre-Ausstattung.

Eine DDR-Kindheit muss man also nicht trist oder parodistisch darstellen

Kummer verklärt nicht, verzerrt nicht, er diffamiert oder heroisiert niemanden. Vermeintlich oder tatsächlich Komisches oder Abstoßendes wird nicht überdeutlich inszeniert – die Bewertung liegt allein beim Zuschauer. „Zuckersand“ zeigt, dass man die Geschichte einer Kindheit in der DDR auch anders als sozialistisch-trist oder knatschbunt-parodistisch illustrieren kann. Kummer gelingt ein Film, der trotz aller tragischen Momente die Botschaft der Hoffnung vermittelt.

ARD, Mittwoch, 11. Oktober, 20.15 Uhr

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