NDR-Film

Journalismusthriller? Eine Klischee-Parade!

| Lesedauer: 5 Minuten
Thomas Andre
Jan (Benno Fürmann) ist freier Journalist. Er würde sehr gerne einen
Skandal aufdecken

Jan (Benno Fürmann) ist freier Journalist. Er würde sehr gerne einen Skandal aufdecken

Foto: Ndr / Meyerbroeker / dpa

Der NDR-Film „Die vierte Gewalt“ erzählt plump von den Winkelzügen einer nicht ganz integren Redaktion.

Hamburg. Politthriller gibt es so oft wie Politberater in Berlin. Na ja, vielleicht nicht ganz so oft. Aber jedenfalls öfter als Journalismus-Thriller. Der Journalismusthriller führt eher ein Schatten­dasein im Spannungssegment der filmischen Erzählung. Der NDR dachte sich jetzt anscheinend, dass das ja nicht sein kann. Und erzählt in seiner Produktion „Die vierte Gewalt“ die große Geschichte über die Intriganten und Korrupten, die hinter den Kulissen die Welt so machen, wie sie ihnen gefällt, aus der Perspektive der Meinungsmacher.

Das ist, nun ja, immerhin eine Idee. Ideen sind etwas Luftiges, Aufregendes, zu manchen kreativen Leistungen Anspornendes. Manchmal hilft es freilich auch Drehbuchschreibern, Abkürzungen zu nehmen; zum Beispiel über das Klischee, zum Beispiel, wenn man partout keine guten Einfälle hat. „Die vierte Gewalt“ ist in mancherlei Hinsicht ein Ärgernis.

Das liegt nicht unbedingt nur an der durchaus frivolen Idee des NDR, eines finanziell dank Rundfunkbeitrag bestens ausgestatteten öffentlich-rechtlichen Senders, die Story um den vermeintlichen Scoop des Journalisten Jan Schulte (Benno Fürmann) in eine Zeitungsredaktion zu verlegen. In einen Bereich des Journalismus somit, in dem manche Publikationen, wie einer der Protagonisten treffend sagt, „sowieso schon aus dem letzten Loch pfeifen“.

Jan Schulte also, unerschrockener Lohnschreiber, ehemals Auslandskorrespondent der eingestellten deutschen „Financial Times“ (der einzige Zeitungstitel in diesem Film, den es wirklich gibt bzw. gab), jetzt freier Mitarbeiter bei der fiktiven Hauptstadtzeitung „Die Republik“ und auf der Suche nach einer Festanstellung.

Bluthund auf der Jagd nach der Schlagzeile

So einer, suggeriert dieser Film doch recht deutlich, ist ein Bluthund auf der Jagd nach der Schlagzeile. Schulte, den Fürmann als konsequenten Schultertaschenträger verkörpert (weil der Journalist die Kontrolle über die Herrschenden ganz alleine schultert!), wird von einer Whistleblowerin ein brisantes Dokument zugesteckt. Es soll belegen, dass die Gesundheitsministerin Elisabeth Stade (überzeugend: Thalia-Ensemblemitglied Victoria Trauttmansdorff) dafür sorgte, dass ihr Bruder bei einer Herztransplantation bevorzugt behandelt wurde.

Der Stoff, aus dem Chefredakteursträume sind – mag die Quelle auch noch so unzuverlässig sein. Tobias Weishaupt (Oliver Masucci) hält zwar das Selbstbewusstsein seines Autors für größer als dessen Talent, ist aber insgesamt doch recht angetan. Damit lässt sich Auflage machen, damit lässt sich die Klickzahl nach oben treiben. Darum geht es den Redaktionen nämlich, so erzählt es dieser vor allem auch unangenehm piefig anmutende Film, hauptsächlich: ums Geldverdienen, ums Überleben. „Die vierte Gewalt“ lässt keinen Zweifel daran, wie unbarmherzig marktwirtschaftlich, also nur bei Bedarf moralisch es in den Medienhäusern zugeht.

Widersprüchliche Gestalt

Jan Schulte soll so eine Art widersprüchliche Gestalt sein, die das Changieren eines ganzen Berufsstands zwischen ehrlichem Auftrag und zynischer Berechnung symbolisiert. Er wanzt sich an Katharina Pflüger (Franziska Weisz), die engste Mitarbeiterin der Ministerin, heran. Pflüger darf gleich beim ersten Mal, als ihr ihr Karriereplaner (Devid Striesow) vom prekären Freelancer-Dasein Schultes berichtet, ziemlich mitleidig aus der Wäsche gucken.

Auf Status gibt sie trotzdem nicht viel, wohl aber auf eine freundliche Presse. Obwohl sie durchschaut, dass Schulte vor allem etwas über ihre Chefin in Erfahrung bringen will, vertraut sie ihm, kommt ja auch ein nettes Portrait über sie herum. Bald schon ist sie wie Schulte selbst mittendrin in einem abgekarteten Spiel um Macht, Eitelkeit und Öffentlichkeit, in dem am Ende die Ziele jeweils unterschiedlich aussehen. Politskandal, Festanstellung oder beides – alles ist möglich. Je nachdem, wie skrupellos man eben ist.

Der Film behauptet platt, dass der Protagonist ein Frauenheld ist, der sowohl mit seiner festangestellten Kollegin (Jördis Triebel) in die Kiste geht als auch das Politiktalent Pflüger sofort in seine erotische Umlaufbahn zieht. Immerhin da, denkt man, ist das Drehbuch gnädig, wo doch Schulte sonst penetrant den Hungerleider geben muss, dem seine Frauen notgedrungen Geld zustecken. Jaja, die darbende Zeilenschreiberjournaille – und dann ist die Tochter auch noch auf einer teuren Privatschule.

Plumpe Zuspitzung

Glanz und Elend des Enthüllungsjournalismus? Daraus hätte man durchaus einen Stereotyp-befreiten, stichhaltigen Fernsehfilm machen können. Im Fall von „Die vierte Gewalt“ erschöpft sich die Frage, wie unabhängig die Medien sind und wie groß die Versuchungen, mit Skandalen wirtschaftliche Erfolge zu erzielen, in der so drögen wie erwartbaren Feststellung, dass ein jeder von egoistischen Interessen gelenkt und vielleicht käuflich wird.

Die These, wonach man als in der Öffentlichkeit stehende Person immer und auf jeden Fall mit den Medien zusammenarbeiten muss, um nicht irgendwann von ihnen zerfleischt zu werden, muss man nicht einmal als falsch ansehen. Aber der ernorme Erzählaufwand tut nicht einmal der Logik genüge. Es wird permanent die Skrupellosigkeit von Leuten in Szene gesetzt, die sich vor allem an sich selbst ergeilen – eine Qual ist das früh.

Später dann wartet als dramatischer Höhepunkt eine plumpe Zuspitzung, sie soll nicht verraten werden. Wer ist übler drauf auf dem Weg an die Spitze, Journalist oder Spindoktor?

Am Ende kommt’s aufs Selbe raus, der Spindoktor war nämlich in seinem früheren Leben: Journalist.

„Die vierte Gewalt“ Mi, 20.15 Uhr, ARD

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