Abendblatt-Interview

Bodo Wartke: „Gutes Fernsehen? Ein Trauerspiel!“

Bodo Wartke (39) steht für Kabarett in Reimkultur

Foto: Nele Martensen

Bodo Wartke (39) steht für Kabarett in Reimkultur Foto: Nele Martensen

Der beliebte Kabarett-Entertainer Bodo Wartke hat sich seinen eigenen Reim aufs Fernsehen gemacht.

Hamburg.  Ihn zu treffen ist gar nicht so einfach – sowohl persönlich als auch inhaltlich. Bodo Wartke ist inzwischen einer der deutschen Kabarett-Entertainer und auch internatonal gefragt. Mit seinem Klavierkabarett in Reimkultur hat der gebürtige Hamburger ein eigenes Genre begründet. Im Jahr 2004 gewann er den Deutschen Kleinkunstpreis in der Sparte Lied, Chanson – nur eine von zahlreichen Auszeichnungen des 39-Jährigen, der in diesem November bereits sein 20. Bühnenjubiläum als Kabarettist feiert. Zuvor will er am 2. September erneut den Stadtpark füllen. Und das, obwohl der Wahlberliner, der seinen beruflichen Hauptsitz mit dem 2005 gegründeten Reimkultur-Verlag weiterhin im Hamburger Grindelviertel hat, so gut wie nie im Fernsehen zu sehen oder im Radio zu hören ist. Dabei hat er einiges zu sagen.

Im Gegensatz zu vielen Ihrer Kabarett- und Comedy-Kollegen sieht man Sie nie in – erwiesenermaßen verkaufsfördernden – Talkshows sitzen und parlieren. Warum eigentlich nicht?

Bodo Wartke: Weil ich statt zu parlieren lieber meine Lieder singen würde. Was ich zu sagen habe, sage ich am liebsten und am wirkungsvollsten in meinen Liedern. Die jedoch wollen viele Sender nicht zeigen, weil sie glauben, Musik sei „schlecht für die Quote“. Ich persönlich halte das für Quatsch, aber so tickt nun mal das Fernsehen. Wann immer ich zufällig im TV eine Talkshow gesehen habe – was sehr selten vorkommt –, hatte ich das Gefühl, das Gros der Talkgäste hat im Grunde nichts zu sagen und ist nur dort, um kurz mal eine CD oder ein Buch in die Kamera zu halten. Das wirkte auf mich immer sehr lustlos.

Welche Erfahrungen haben Sie denn persönlich mit TV-Sendern gemacht?

Ich war einmal bei der Produktion einer ProSieben-Sendung dabei – und war beeindruckt, wie aufwendig sie produziert wurde. Für das Publikum im Saal gab es übrigens die ganze Zeit umsonst Alkohol zu trinken, in rauen Mengen. Eine, wie man mir später erzählte, beim Privatfernsehen übliche Praxis. Ich finde, dies erklärt vieles. Fürs Privatfernsehen würde ich nicht mehr auftreten wollen. Und sei die Sendung noch so professionell produziert und gut bezahlt. Ich finde, die Privatsender verstoßen fortwährend gegen Artikel 1 des Grundgesetzes. Wenigstens sind sie dabei aufrichtig, denn ihr Geschäftsmodell basiert ja auf dem bereits erwähnten Quotenfetischismus: Hauptsache Quote, egal womit. Und wenn es Quote bringt, Menschen vor laufender Kamera zu demütigen und vorzuführen, dann wird es halt gemacht.

Wie war es bei den Öffentlich-Recht­lichen?

Was ich nicht verstehe ist, dass sich das öffentlich-rechtliche Fernsehen nicht zu schade ist, ebenfalls auf diesen Quoten-Zug aufzuspringen. Bei einer NDR-Sendung vor ein paar Jahren fragte mich der Redakteur, ob ich mein Lied nicht vielleicht kürzen könne, denn Musik sei ja – Achtung, Mantra – schlecht für die Quote. Wenigstens hat er vorher gefragt! Ich entgegnete dem Redakteur „Moment, Musik ist ja nicht gleich Musik. Bei meiner Musik achten die Leute vor allem auf den Text.“ Der Redakteur sagte: „Ihr Publikum vielleicht, unser Publikum nicht.“ Das fand ich ziemlich traurig und zynisch. Frappierend fand ich, wie sich das Lamento durch alle Abteilungen zog. Vom Kameramann bis zur Maskenbildnerin trauerten alle der Vergangenheit hinterher. Als noch nicht alles der Quote unterworfen wurde. Als man noch Zeit und Raum für Ideen hatte. Die Leute beim Fernsehen würden, wie mir schien, durchaus gerne gutes Fernsehen machen. Das Know-how wäre da. Das Material auch. Das Geld auch. Und erst recht das Bedürfnis. Und trotzdem findet es nicht statt. Ein Trauerspiel.

Haben Sie überhaupt mal positive Erfahrungen beim Fernsehen gemacht?

Durchweg positive Erfahrungen habe ich mit 3sat gesammelt. Der einzige Sender, der sich traut, eine Dreiviertelstunde Repertoire zu zeigen, ohne zu kürzen und reinzuquatschen. Eine Freude!

Stimmt es eigentlich, dass Sie seit Jahren kein TV-Gerät besitzen?

Ja, schon seit 19 Jahren nicht mehr. Das ist die Realität!

Hören Sie Radio?

Ich höre hin und wieder den Berliner Sender radio1. Die Radiowerbung ist auch dort unerträglich, aber zwischen den Werbeblöcken laufen endlich auch mal andere Songs als der gängige Einheitsbrei. Und es gibt Kolumnen von tollen Kollegen wie Horst Evers, Marc-Uwe Kling und Sebastian Lehmann, die dort ihre Texte zum Besten geben. Und die sind sensationell!

In diesem August sind Sie als „Artist in Residence“ an der Middlebury Language School im US-Bundesstaat Vermont. Sind die Schüler dort, was TV und Radio angeht, nicht noch ärmer dran? Und wie können Sie als Künstler die Medienutzung beeinflussen?

Die Studenten, die in Middlebury Deutsch lernen, kommen dafür nicht nur aus ganz Amerika, sondern aus der ganzen Welt. Und die Motivation ist groß! Auf dem Campus wird nur deutsch gesprochen, englisch ist verboten! Dadurch sprechen viele nach vier Wochen Deutschunterricht zum Teil besseres Deutsch als manch anderer nach zwei Jahren. Um das zu unterstützen, lädt die deutsche Fakultät deutschsprachige Künstler wie mich ein. Viele Studenten in Middlebury kennen sich übrigens sehr gut aus mit Hegel, Freud und Mozart. Und mit Helene Fischer.

In diesem Jahr drehen Sie mit Ihrer Crew Ihren ersten eigenen Konzertfilm zu Ihrem aktuellen Programm „Was, wenn doch?“ Warum das?

Weil wir auch hier was Neues ausprobieren wollten als einen reinen Konzertmitschnitt. Die Dramaturgie meines neuen Programms legt nahe, eine filmische Rahmenhandlung drumherum zu erzählen. Man sieht eben nicht nur die Lieder im Konzert, sondern auch, was davor und danach passiert. Und in der Pause. Und viele Lieder haben wir mit Überraschungen versehen, die ich so auf der Bühne niemals zeigen könnte. Mehr will ich aber nicht verraten!

Folgt als Nächstes womöglich doch Bodo Wartke TV – nach dem Motto: „Ein Künstler, viele Programme und eventuell noch ein paar Gäste“!?

Vielleicht. Aber welcher Sender außer 3sat würde so etwas zeigen wollen? Ich trete ohnehin lieber vor Live-Publikum als im Fernsehen auf. Derzeit schreibe ich an meinem nächsten Theaterstück „Antigone“, der Fortsetzung von „König Ödipus“. Und ich liebäugle mit einer Adap­tion der „Zauberflöte“ von Mozart. Mit besserem Text.

Anfang September wollen Sie – wie schon 2012 und 2013 bei den Finals Ihrer ersten beiden Soloprogramme – 4000 Menschen zur Stadtparkbühne locken, wenn Sie Ihr Programm „Noah war ein Archetyp“ mit dem Zusatz „Nach mir die Sintflut“ zum letzten Mal spielen. Eine verdammt große Kulisse für einen Kleinkünstler ...

2012 und 2013 hat das schon erstaunlich gut funktioniert, drum bin ich sehr zuversichtlich, was das kommende Konzert betrifft. Der Hamburger Stadtpark ist dafür die ideale Kulisse: Er vereint die atmosphärische Dichte eines Amphitheaters mit der Ausgelassenheit eines Open-Air-Konzertes. Wer also immer schon mal bei meinen Liedern nicht nur auf den Text hören, sondern auch dazu tanzen wollte, der kann das am 2. September tun.

„Noah war ein Archetyp – Nach mir die Sintflut“ Fr 2.9, 19.00, Stadtparkbühne (S Alte Wöhr), Saarlandstr. 71, Karten zu 37,40 in der Abendblatt-Geschäftstelle, Großer
Burstah 18–32, Ticket-Hotline T. 30 30 98 98; www.bodowartke.de

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