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„Tatort: Narben“: Wer ist Opfer? Wer ist Täter?

Schauspieler Dietmar Bär (Archivbild)

Schauspieler Dietmar Bär (Archivbild)

Foto: Georg Wendt / dpa

Der Kölner „Tatort: Narben“ ist ein differenziertes Flüchtlingsdrama, das kriminalistische Handlung und politisches Anliegen vereint.

Die tiefen Narben zeugen vom Schrecken, vom Leid, von der Folter, der man zu entfliehen sucht. Langsam fährt die Kamera über den geschundenen Rücken einer schwarzen Frau, und mit den ersten Bildern vom „Tatort: Narben“ wird klar, dass Rainer Butt (Drehbuch) und Torsten C. Fischer (Regie) keinen gewöhnlichen Krimi erzählen wollen, sondern ein Flüchtlingsdrama auffächern werden. Kein leichtes Unterfangen in diesen Zeiten, wo jeder falsche Ton Aufregung auslöst. Aber es gelingt, weil der Film nicht in politischer Korrektheit erstickt, sondern die Balance wahrt: Er zeigt, dass zwar vor allem Opfer, dass aber auch Täter in unser Land kommen.

Ob der schwarze Arzt Dr. Wangila, der erstochen auf dem Gelände einer Klinik gefunden wird, vor seinem Tod Opfer oder Täter war, ist erst einmal offen. Anerkannter Kriegsflüchtling aus der Demokratischen Republik Kongo war er, mit einer Deutschen (Anne Ratte-Polle) seit fünf Jahren verheiratet, die aber offenbar wenig über ihn weiß. Die Mitarbeiter des Krankenhauses sagen nur Gutes über ihn, vor allem die Kollegin (Julia Jäger), die ihn als ausgewiesenen Spezialisten der Leitung des Hauses empfahl, und auch eine Krankenpflegerin (Laura Tonke). Vielleicht, weil sie ihn allesamt liebten?

Drehbuchautor Rainer Butt legt gekonnt falsche Spuren: War es ein rassistisch motivierter Mord oder etwa eine schnöde Beziehungstat, weil der Arzt laut Obduktion noch kurz vor dem Tod Sex mit einer anderen Frau hatte? Oder doch ein Drama im Kollegium?

Dass er Tage zuvor im Noteinsatz während einer Polizeirazzia in einem Flüchtlingsheim auftauchte, bei der sich eine Kongolesin vom Obergeschoss in den Tod stürzte, lässt weitere Varianten möglich erscheinen. Schließlich macht auch der Einsatzleiter (Felix Voertler) einen eher zwielichtigen Eindruck. Wie gehen seine Leute mit Flüchtlingen um? Was genau hat sich im Heim abgespielt? Der Bruder des Ermordeten (Jerry Kwarteng) kommt den Kommissaren Ballauff (Klaus J. Behrendt) und Schenk (Dietmar Bär) in die Quere, weil er den Täter selber finden will, was der ohnehin schon packenden Story zusätzliche Spannung verleiht. Denn der Bruder ist in seinen Methoden alles andere als zimperlich.

Elegant mischt dieser „Tatort“ Krimihandlung und politisches Anliegen, ohne den Zeigefinger allzu deutlich zu bemühen. Das Grauen der Vergangenheit fließt eher nebenbei ein, wenn die Polizisten in Asylunterkünften ermitteln und auf die seelischen Folgen von Kriegsverbrechen stoßen, denen man nie mehr ganz entkommen kann. „Die Angst ist immer da – das ist Flüchtling“ bekommen sie zu hören, wenn sie beteuern „Hier sind Sie sicher.“ Und: „Es gibt viele schlechte Orte, wenn man als Frau geboren wird – der Kongo ist einer der allerschlechtesten.“

Da wird nichts umständlich erklärt, kein VHS-Kursus veranstaltet, wie man es bei öffentlich-rechtlichen Krimis mit sozialpolitischer Note so oft erlebt, auch wenn Ballauffs und Schenks Assistent Tobias Reisser (Patrick Abozen) zuweilen die moralische Instanz im Hintergrund gibt. Stattdessen folgt Torsten C. Fischer den Figuren und ihrem Schicksal, schafft intensive emotionale Momente, die nachhallen. Das Entsetzensschreien einer schwarzen Frau auf der Flucht, als ihr plötzlich Ballauff gegenübersteht, der ihr nur helfen will, ist so ein Augenblick, der viel erzählt über das Seelenleben der Verfolgten und die politische Situation in ihrer Heimat.

Ballauff und Schenk nehmen sich im Dienst der Sache diesmal zurück, was diesem düsteren Fall ausgesprochen guttut. Der verträgt keine Mätzchen an der Currywurstbude.

„Tatort: Narben“ So 20.15, ARD