Vox-Show

Warum Tim Mälzer mit „Kitchen Impossible“ einen Hit landete

Lesedauer: 4 Minuten
Karolin Jacquemain
Tim Mälzer duelliert sich in der sechsteiligen Vox-Reihe „Kitchen Impossible“ mit verschiedenen Starköchen. Die letzte Show wollten mehr als zwei Millionen sehen.

Tim Mälzer duelliert sich in der sechsteiligen Vox-Reihe „Kitchen Impossible“ mit verschiedenen Starköchen. Die letzte Show wollten mehr als zwei Millionen sehen.

Foto: VOX

„Kitchen Impossible“ mit dem Hamburger Tim Mälzer ist der Überraschungserfolg dieses Frühjahrs. Ein Erklärungsversuch in acht Gängen.

Hamburg.  An diesem Sonntag läuft die letzte Folge der Vox-Sendung „Kitchen Impossible“ mit und um Pop-Koch Tim Mälzer. Dieses Mal tritt er gegen den Tiroler Roland Trettl an.

(1) Dies ist keine Kochshow: „Kitchen Impossible“ ist das „Dschungelcamp“ für Besseresser. Es wird gesoffen und gepöbelt, gekämpft und geheult. Mälzers kulinarisches Kräftemessen in sechs Akten hat mit herkömmlichen Kochsendungen so viel zu tun wie eine Caprisonne mit gesunder Ernährung. Zwar sind haufenweise Vertreter der kochlöffelschwingenden Branche am Start – aber die tummeln sich im Erotikmuseum oder auf dem Eishockeyfeld. Wichtigstes Ziel: Sich gegenseitig „auf die Fresse zu geben“ (Mälzer).

(2) Dies ist eine Kochshow – und noch vieles mehr: Was hier auf den Teller kommt, ist nur bedingt alltagstauglich, geschweige denn familienfreundlich. Kleine Kostprobe: Fischblase in einer Sauce aus Schweineschwarte. Schafsmagen gefüllt mit Herz und Leber. Bei „Kitchen Impossible“ geht es nicht ums unfallfreie Blanchieren und Beizen, sondern um die Faszination Essen mit allen schmutzigen Details. Dreck und Gedärme als Distinktionsmerkmal. „Kochshows gibt es zuhauf im Fernsehen. Um Interesse zu wecken, muss das Genre mit anderen Attraktivitätsfaktoren kombiniert werden“, sagt die Hamburger Medienwissenschaftlerin Joan Bleicher. „In diesem Fall greifen das Wettkampfprinzip, die Exotik der Schauplätze sowie die Comedyelemente bei den Küchenpannen.“

(3) Die Show ist der Anti-„Tatort“ : „Sie suchen keinen Mörder, aber das Geheimnis unbekannter Speisen“, bewirbt Vox sein neues TV-Kochgelage in Abgrenzung zum „Tatort“. Während im Ersten der Beweis geführt wird, dass selbst die Polizei der Gesellschaft machtlos gegenübersteht, demon­striert der Privatsender, dass der einsame Kochgigant alles bewältigen kann. Und sei es nur einen Hackfleischberg. Hier Kommissar Melancholie, dort Rocky, der die Kochschürze anlegt, um es den Gourmet-Großmäulern zu zeigen.

(4) Sterneküche wird nahbar : Man muss keine Kochbuchsammlung in dreistelliger Größenordnung besitzen, um die Sendung zu goutieren. Kein Zuschauer bekommt angesichts von Grünkohl mit Schweinebacke Minderwertigkeitskomplexe, nur weil die eigene kulinarische Amtshandlung darin besteht, abends eine Büchse Ravioli zu erwärmen. Wichtiger Einschaltimpuls: das wohlig-warme Gefühl der Schadenfreude. Der sternegekrönte Zampano kapituliert vor der Frikadelle? Hah! „Nur wenige Zuschauer besuchen Gourmetrestaurants. ,Kitchen Impossible‘ bietet ihnen die Möglichkeit, Sterneköche vom Sofa aus zu bewerten“, sagt Medienwissenschaftlerin Bleicher.

(5) Starke Protagonisten: „Kitchen Impossible setzt auf das Starprinzip. Der Koch ist kein Dienstleister oder Suppenlöffelhalter, sondern ein Popkünstler. Allen voran Mälzer, bei dem jeder Gesichtsausdruck abgefeimte Kochstararroganz buchstabiert. Die Hälfte der Zuschauer freut sich, wenn der großmaulige Küchenbulle auf die Schnauze fällt. Mälzer-Fans dagegen sind entzückt, dass ihr Leib-und-Magen-Koch die Sterneköche zum Schwitzen bringt. „Kitchen Impossible“ ist ein kulinarischer Egotrip mit triebhaften Zügen. Nur einer kann gewinnen.

(6) Schimpfwörter zum Mitschreiben : Die Verbalentgleisung gehört zu jeder anständigen Kochwettbewerbsshow. Hier allerdings ist sie wesentliches Handlungselement der mehr als dreistündigen Show, je weiter unter der Gürtellinie, desto feiner. „Das bekommst du irgendwann wieder und dann pisse ich dir ins Essen“, grummelte der Berliner Koch Tim Raue in der letzten Sendung. „Drecksau“, „schwammiges Hamburger Kerlchen“ – hier lässt sich keiner lumpen. Die Botschaft: Kochen ist Gossensport, und nur die Harten überleben.

(7) Flurfunk: Flüche und Totalausraster sind im Realitygenre ein beliebtes Mittel, sich im öffentlichen Gespräch zu halten. Auch damit erklären sich die starken Quoten am Sonntagabend gegen Krimi (ARD) und Kitsch (ZDF). Sahen den Auftakt 1,18 Millionen Zuschauer, verfolgten die letzte Folge 2,23 Millionen. Der Marktanteil stieg auf satte 10,2 Prozent. Da knallen bei einem kleinen Sender wie Vox die Champagnerkorken. Eine weitere Staffel ist für 2017 geplant.

(8) Nostalgie: „Kitchen Impossible“ ist gleichzeitig ein moderner Heimatfilm in sechs Teilen und ein kulinarischer Reiseführer, der den Zuschauer nach Island oder Liverpool entführt. Bei der Zubereitung greift das Steinzeitprinzip: Die Kuh wird noch selbst gemolken, die Algen eigenhändig aus dem Meer gerupft. Am Ende von „Kitchen Impossible“ steht die Erkenntnis, dass Essen mehr mit Heimat und Nostalgie zu tun hat als mit dem richtigen Küchenmesser. Was für eine beruhigende Botschaft zum Wochenanfang.

„Kitchen Impossible“, Sonntag, 20.15 Uhr, Vox