Wettermann bei Günther Jauch

Tiedje gegen Kachelmanns beschert Jauch Top-Quote

Mehr als fünf Millionen Zuschauer sehen in der ARD den Talk über den Fall Jörg Kachelmann und lernen Vokabeln wie „Durchstecherei” und „Falschbeschuldigungen”.

Berlin. Die Vorfreude stand Günther Jauch nach der Anmoderation ins Gesicht geschrieben. So, als witterte der Moderator im Laufe seines nachfolgenden ARD-Talks unter dem als doppeldeutig angepriesenen Motto „Kachelmanns Fall” die ganz fette Wortstreit-Beute. Was am Ende der rund 60-minütigen Debatierrunde blieb, waren gelegentliche Scharmützel zwischen Hans-Hermann Tiedje als Vertreter des „Medienelends” (O-Ton Kachelmann) auf der einen und dem Ehepaar Jörg und Miriam Kachelmann als Vertreter vermeintlicher Justiz-Opfer auf der anderen Seite - und letzten Endes eine ernüchternde jauchsche Erkenntnis: „Ich weiß, dass wir alle relativ unbefriedigt hier rausgehen werden.” Dafür sei die Angelegenheit schließlich zu schwierig.

Jauch hatte den gestürzten Wetterfrosch geladen in der Hoffnung, zu erörtern, „was ein Freispruch wert ist” hierzulande. Zu einem Konsens beitragen sollten auch die Gäste Gerhart Baum (Ex-Innenminister) sowie Winfried Hassemer, seines Zeichens ehemaliger Vize-Präsident des Bundesverfassungsgerichts.

Talkrunde reduziert sich auf Kachelmann vs. Tiedje

In der Folge kristallisierte sich zunehmend ein Wiederstreit zwischen Kachelmann und Ex-”Bild”-Chef Tiedje heraus, der dem vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochenen Wetter-Moderator ein ums andere Mal in die Parade fuhr. „Sie haben gelogen am laufenden Band”, hielt Tiedje Kachelmann im Zuge seines Privatlebens vor. „Das ist nicht strafbar, sondern vielleicht einfach nur ein mieser Charakter”, befand der Journalist. Wofür der frühere „Bunte”-Chef von Kachelmann mit „Gevatter Tiedje” angeredet wurde.

Zu mehr Offensive ließ sich Kachelmann - wenn ihn seine Psychologie studierende Frau Miriam überhaupt ließ - allerdings nicht hinreißen, hielt seinerseits dafür immer wieder Seitenhiebe auf das Mannheimer Landgericht parat (”Auch wenn ich das manchmal schwer glauben konnte, die Richter sind auch Menschen”) und sagte Sätze wie „das erbärmliche Mannheimer Gericht möchte seine Haut retten.” Und brachte auch bei diesen Gelegenheiten seine Lieblingsvokabel „Falschbeschuldigungen” unter. Um wiederum moderat festhalten zu lassen: „Ich habe in weiten Teilen großes Vertrauen in die deutsche Justiz.”

Günther Jauch hat in seiner Talkshow im Ersten mit dem Thema „Kachelmanns Fall – Was ist ein Freispruch wert?“ am Sonntagabend mit Durchschnittlich 5,29 Millionen Zuschauern lockte Jauch mit seiner illustren Gästeschar vor die Bildschirme, was dem ARD-Mann einen Marktanteil von 18,4 Prozent und neuen Rekord seit der Sommerpause einbrachte.

Tiedje: Kachelmann schreibt in „rotzlöffeligem Stil”

Seit einer Woche ist das Buch des Wettermoderators Jörg Kachelmann und seiner Frau Miriam mit dem Titel „Recht und Gerechtigkeit“ auf dem Markt. Darin arbeitet er seinen Prozess vor dem Landgericht Mannheim auf. Der 54-Jährige war im Mai 2011 aus Mangel an Beweisen vom Vorwurf, seine ehemalige Geliebte Claudia D. vergewaltigt zu haben, freigesprochen worden. Inzwischen hat die Frau durchgesetzt, dass das Buch nur noch an den Handel ausgeliefert werden darf, wenn der Nachname der Ex-Geliebten geschwärzt ist. Auch darf Kachelmann ihren Namen in der Öffentlichkeit nicht mehr nennen.

„Das Buch ist in einem ziemlich rotzlöffeligen Stil geschrieben”, kanzelte Tiedje bei Jauch das Werk ab. „Sie stilisieren sich hier zum Opferanwalt”, fuhr der Journalist fort, ”aber Sie sind nur Kachelmann, der gute alte Wetter-Fuzzi!”

Sachlicher gingen derweil Baum und Hassemer die Problematik der von dem Medien umfangreich begleiteten 44 Prozesstage an. „Medien haben vorverurteilt oder vorfreigesprochen”, sagte FDP-Politiker Baum. Viele hätten die nötige journalistische Distanz vermissen lassen, aber auch die Staatsanwaltschaft habe mit vielerlei Zusatz- und Vorabinfos zu einer Medienschlacht beigetragen. „Die Durchstecherei war hier ganz schlimm.”

Ex-Verfassungsrichter Hassemer schließlich bestätigte die Gefahr einer Befangenheit von an einem Strafverfahren beteiligten Juristen. „Wenn die Medien sich einmischen, ist ein freies Verfahren nicht mehr möglich. Denn sie haben eine Verallgemeinerungsmaschine in ihrem Kopf.”

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