Schmidts Tivoli

Littmann und Co. machen den Kiez zum Show-Dschungel

Schmidts Tivoli feierte als erste deutsche Bühne eine Theater-Premiere in Corona-Zeiten– mit Kultursenator Brosda und Udo Lindenberg.

Hamburg. Eine Theater-Premiere am 2. Juli, in den Sommerferien? Normalerweise ein Unding, zumindest aber ein großes Wagnis. Doch was ist in diesem Jahr schon normal? Erst recht auf einer Bühne des Schmidt-Imperiums. Und so gab es am Donnerstagabend ein Stelldichein der Prominenz vor dem Schmidts Tivoli - natürlich alles schön auf Abstand.

Schmidts Tivoli: Lindenberg und Sasha bei Premiere

Die Genres Rock und Pop mit den etwas in die Jahre gekommen Sängerknaben Udo Lindenberg und Sasha waren der Einladung der Chefs Corny Littmann und Tessa Aust zur Show-Premiere von "Paradiso" ebenso gefolgt wie Theater (Michael Lang/Ohnsorg) und Musical (Thomas Gehle/First Stage und Stage School) sowie Pensionäre (Hamburgs frühere Zweite Bürgermeisterin Christa Goetsch) und Politik in Person von Kultursenator Carsten Brosda.

"Herzlich willkommen in dem ersten deutschen Theater, das heute seinen Spielbetrieb wieder aufnimmt", begrüßte Conférencier Littmann die Premierengäste. Es waren statt der sonst im Tivoli üblichen 623 abstands- und hygienebedingt nur 250 Besucher, und die hatten auf dem Weg zur selbsternannten Show-Oase schon einen kleinen Dschungelpfad absolviert.

Die Mahnung: "Büsch'n Abstand, bitte!"

Auf dem kunstvoll grün dekorierten Weg mahnten runde Kreise immer wieder zu ein "Büsch'n Abstand, bitte!" Hatte man(n) und frau dann mit Mund-Nasen-Schutz den zugewiesenen Platz samt Tischlein im Saal erreicht, ließen sich oben ohne auch Getränke bestellen. Das Schmidts Tivoli bleibt wie die derzeit geschlossenen Schmidt und Schmidtchen eben ein Verzehrtheater, auch in der viel beschworenen neuen Normalität.

In der dauern Theater-Vorstellungen nun gewiss häufiger nur gut 75 Minuten ohne Pause wie bei "Paradiso". Die Show hat Regisseur Littmann mit Hauskomponist Martin Lingnau ("Heiße Ecke", "Die Königs vom Kiez") und Produktionsleiter Ralf Zimmermann eigens für die Corona-Zeit konzipiert.

Eine Show für Corona-Zeiten

Nach einem musikalischem Vorgeplänkel und dem Warm-up von "Paradiesvogel" Henning Mehrtens, sonst Gastgeber im Schmidtchen, sorgte Moderator Littmann selbst für die verbalen Comedy-Einlagen: Er erzählte, wie er und seine Helfer an 500 (Kunst-)Pflanzen, Grünzeug und Dekoartikel wie Orchideen-Töpfe mit eingebauter LED-Leuchten gekommen waren.

Wie etwa Läden wie das bis dato im Theatermilieu gänzlich unbekannte "Bananen-Willi"in der Nähe Elmshorns abgegrast wurden oder "MacPalm" den schnellen Hunger nach Pflanzen stillte. Alles, damit Ausstatterin Michaela Heinz das jetzt nicht mal halb volle Tivoli in eine vitale grüne Oase verwandeln konnte.

Littmann begrüßte Brosda als "Superspreader"

In dieser sorgte Littmann für kabarettistische Spitzen, indem er Carsten Brosda ironisch-hochachtungvoll als "Superspreader" bezeichnete - weil der SPD-Politiker in den vergangenen Krisen-Wochen und -Monaten die Kultur, inklusive privat geführter Theater, mit einer ordentlichen Dosis städtischem Geld bedacht habe.

Und er sei ein Senator, der seine Wiederwahl auch nur mit der Familie gefeiert habe, ergänzte Littmann mit einem Seitenhieb auf den geselligen Innensenator Andy Grote. Brosda, inmitten zweier Plexiglas-Wände mit 1,50 Meter Abstand an einem Tisch mit Tivoli-Co-Gesellschafter und Handelskammer-Präses Norbert Aust platziert, nahm beides gewohnt gelassen zur Kenntnis.

Abrechnung mit Sigmar Gabriel und Kleintier-Dressur-Nummer

Und sonst? Außer Littmanns treffender aktueller Abrechnung mit Ex-Vizekanzler, -SPD-Chef und -Tönnies-Berater Sigmar Gabriel ("Er hat mich immer an Schweinchen Schlau erinnert") und seiner etwas fragwürdigen Kleintier-Dressur-Nummer mit seinem vier Monate alten Hund konnten sich die oft im Schmidt Theater erprobten Nik Breidenbach und Carolin Forterbacher ("Oh Alpenglühn") hören und sehen lassen, stets im Rahmen des hygienisch Erlaubten.

Mit dem jeweils solo interpretierten Show-Titelsong "Paradiso" verbreiteten sie einen Hauch von Las Vegas und drückten mit fulminanten Parodien auf Tina Turner (Breidenbach) sowie eine betrunkene Opern-Diva und Lady Gaga (Fortenbacher) tänzerisch, mimisch und physisch voll auf die komödiantische Tube. In einem kurzen Duett gab es sogar eine Persiflage auf die Spice Girls.

Disco-Magier mit glitzernden Anzügen im Schmidts Tivoli

Noch mehr Körperbeherrschung zeigte die Berliner Pole- und Luftakrobatin Sina Brunner mit zwei spektakulären Nummern in der Vertikalen. Die ebenfalls aus der Hauptstadt kommenden Siegfried & Joy präsentierten sich als Disco-Magier in ihren glitzernden Anzügen zwar als selbstironische Zauberer mit Bodenhaftung, jedoch zogen sich ihre beiden Nummern etwas zu sehr, so dass die Premieren-Show mit 80 Minuten Überlänge hatte.

In ihrer Heimatstadt dürften die Magier dieser Tage gar nicht auftreten, in Berlin sind die Theater noch bis zum 31. Juli geschlossen.

Alle Mitwirkenden wurden auf Corona getestet

In Hamburg soll "Paradiso" mit monatlich wechselnden Besetzungen so lange laufen, wie die coronabedingten Beschränkungen bestehen. Alle Mitwirkenden wurden vor der Premiere auf Covid-19 getestet. Wie der zeitlich und räumlich gestaffelte Einlass ist auch der Auszug der Besucher im Tivoli genau geregelt. Alle vier Wochen soll es eine andere Show geben.

Jede Sektion hat ihren musikalischen Rausschmeißer, in diesem Fall etwa "Griechischer Wein". Nüchtern betrachtet eine gute Idee. Fand auch Carsten Brosda: "Für mich war es eine Freude zu sehen, dass in einem Theatersaal endlich wieder etwas passiert", sagte der Kultursenator, als er wieder vor dem Schmidts Tivoli stand. "Es gilt, mit den gegenwärtigen Bedingungen zu arbeiten, nicht gegen sie", lautet sein Erkenntnis.

ABSPANN „Paradiso“ – Die Show-Oase im Schmidts Tivoli bis auf Weiteres, Di-So, jew. 20.00, Spielbudenplatz 27–28, Karten ab 27,30 unter T. 31 77 88 99, www.tivoli.de, Vorstellung exklusiv für Abendblatt-Leser: Mi 29.7, 20.00, Karten für max. 4 Personen (großer Tisch: 150.20 Euro), 2 Personen (kleiner Tisch: 93,- Euro) und Einzelpersonen (30,20 Euro) in der Abendblatt-Geschäftsstelle, Großer Burstah 18-32, T. 30 30 98 98