Schüler machen Zeitung
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Wenn der kleine Bruder Epileptiker ist

Lesedauer: 3 Minuten
Kira Graf, Klasse 10A, Private Stadtteilschule St. Georg
Kira hat ihren Bruder während eines Spazierganges fotografiert

Kira hat ihren Bruder während eines Spazierganges fotografiert

Foto: Kira Graf

Eine Hamburger Zehntklässlerin beschreibt, wie eine chronische Erkrankung des Gehirns den Alltag der Familie bestimmt.

Hamburg.  „3, 4, 5, ...“. Ich zähle die Sekunden automatisch, mein kleiner Bruder liegt neben mir. Meine Mutter und ich halten ihn fest, damit er sich nirgends den Kopf stößt. Er schreit, krallt sich in mein T-Shirt. „20, 21, 22“. Er krampft immer noch, auch wenn er ganz langsam wieder zu sich kommt. „34, 35, 36, ...“. Er entkrampft sich langsam, auch, wenn er immer noch desorientiert ist. Er sagt Sachen wie „Krampfen“ und „Krankenhaus fahren“. Meine Mutter und ich versuchen, ihn zu beruhigen.

Das ist eine typische Situation bei uns zu Hause. Mein Bruder ist schwer geistig behindert und starker Epileptiker. Doch das hat erst mal nichts miteinander zu tun, denn jeder Mensch kann Epileptiker sein oder werden. Schließlich ist Epilepsie eine der am häufigsten vorkommenden chronischen Nervenerkrankungen.

Epileptische Anfälle sind unberechenbar

In Deutschland geht man laut einer Studie der Deutschen Gesellschaft für Epileptologie davon aus, dass 0,6 bis 0,8 Prozent der Bevölkerung an Epilepsie leiden. Das klingt erst mal nicht viel, aber das entspricht circa 400.000 bis 800.000 Menschen, und hinzu kommen jährlich 30.000 Menschen, die neu an Epilepsie erkranken. Man geht davon aus, dass fünf Prozent der Bevölkerung in Deutschland einmal im Leben einen epileptischen Anfall bekommen. Daraus muss sich jedoch keine Epilepsie entwickeln. Erst bei wiederholten Anfällen und wenn kein anderer Auslöser, wie beispielsweise eine akute Erkrankung, vorhanden ist, spricht man von Epilepsie.

Epileptische Anfälle sind unberechenbar. Man kann sie am Anfang weder vorhersehen noch verhindern. Die einzige Möglichkeit, Anfälle ansatzweise zu kontrollieren, ist die regelmäßige Einnahme von Medikamenten. Es gibt auch die Möglichkeit einer Operation, wenn Medikamente nicht ausreichen. Ob man von so einer Operation jedoch profitiert, hängt von der betroffenen Hirnregion ab. Das richtige Medikament zu finden, kann sehr schwer sein, wie ich aus der Erfahrung weiß. So nimmt mein Brunder jeden Morgen und jeden Abend sehr starke Schlafmedikamente und Antiepileptika.

Wir versuchen, das richtige Medikament zu finden

Doch diese haben leider häufig nicht so angeschlagen wie gehofft, oder sie haben ihre Wirkung verloren.

Mein Bruder ist seit sieben Jahren Epileptiker. Seitdem versuchen wir, das richtige Medikament zu finden.

Er ist jetzt zwölf Jahre alt, durch seine Behinderung jedoch auf dem Stand eines Zwei- bis Dreijährigen. Dieser Umstand macht unser Familienleben sicherlich nicht leicht, jedoch bringen die Nebenwirkungen der Medikamente noch größere Schwierigkeiten mit sich. So hat mein Bruder beispielsweise ständig Appetit, ist jedoch nicht in der Lage – bis auf normales Gehen – irgendwelchen Sport zu machen. Früher ist er stundenlang Trampolin im Garten gesprungen, inzwischen bekommt er sofort einen epileptischen Anfall, wenn er es betritt. Doch das ist nur eine der Nebenwirkungen.

Doch ohne Medikamente geht es gar nicht

Er bekommt mehrmals täglich Wutanfälle. Er knallt dann Türen, schreit und wirft mit Sachen. Oft ist er auch sehr müde und erschöpft. Doch ohne Medikamente geht es gar nicht. Es gab Nächte, in denen er bis zu 20-mal die Nacht gekrampft hat.

Was können Sie tun, wenn Sie jemanden auf der Straße krampfen sehen? Bleiben Sie ruhig, es ist kein Zombie, sondern ein Epileptiker. Rufen Sie einen Krankenwagen, und sichern Sie den Kopf des Krampfenden gegen Verletzungen.