„Sommer ‘89“

Wie Kettcar deutsche Geschichte in fünf Minuten erzählt

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Die Hamburger Rockband stellt ihren neuen Song vor – und thematisiert darin auch die Flüchtlingsproblematik.

Hamburg.  „Es war im Sommer ‘89, der 12. August“, so hebt der neue Kettcar-Song „Sommer ‘89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)“ an. Sänger Marcus Wiebusch spricht erst einmal viel mehr, als dass er sänge, und erzählt im atemlosen Stakkato des Weltgeists, der 1989 durch Mitteleuropa fegte, von den DDR-Bürgern, die über Ungarn und Österreich in den Westen flohen.

Eine Geschichtsstunde in der Hamburger Schule also. Textinterpretation, Deutsch-Leistungs-, nein, eher: -Grundkurs – was will uns die Hamburger Rockband Kettcar, die auf ihren vier bisherigen Alben immer mal wieder gesellschaftspolitisch wurde, mit einem Song, der nur vordergründig von 1989 handelt, eigentlich sagen? In Kürze: Wovon dieser Song, dessen Videoclip am Freitag zeitgleich veröffentlich wurde, erzählt, ist nicht nur die Epochenwende vor knapp 30 Jahren, sondern auch die Haltung, die wir heute zu Flüchtlingen haben.

Ein Videoclip wie ein Bolzenschneider

Ist gar nicht schwer zu dechiffrieren, weil ziemlich plakativ, übrigens auch optisch: Die Spielszenen des Videoclips werden immer wieder von schwarz hinterlegten Songzeilen unterbrochen. „In Hamburg ging es los/In seinem alten himmelblauen Ford Granada/Kasseler Berge, Würzburg, Linz, Wien/Ließ er alle links liegen/Das Ziel war das Burgenland, die österreichisch-ungarische Grenze“ – ein junger Mann macht sich auf, um persönlich mitzuhelfen, die Mauer einzureißen. Beziehungsweise den Grenzzaun zu öffnen – der Bolzenschneider des „Gutbürger“ genannten moralisch Aufrechten ist dabei eine überdeutliche Metapher für das Engagement des Einzelnen in der Masse. Interessante, unterbelichtete Perspektive: der Westdeutsche als Fluchthelfer, der im Gefühlsüberschwang dem Ossi den Weg ins Paradies ebnen will.

Aber die Geschichte geht weiter. Zu treibenden Beats und hypnotischen Gitarren schickt Songwriter Marcus Wiebusch seinen Helden zurück in die linksbeseelte WG-Küche, wo ihm die Klugschnacker die wahre Lage der Dinge erklären: Hilfe für die DDR-Bürger aus menschlicher Hinsicht okay, aber Wiedervereinigung „ein großer Fehler“, Deutschland als Machtblock in Europa unvorstellbar. Die Aktion „war menschlich verständlich, aber trotzdem falsch“ – ziemlich herzloses Besserwissergeschwätz also, das den Helden („Er ward nie mehr gesehen“) Reißaus nehmen lässt.

Song sorgt für Begeisterung

Wie gesagt, die Parallelen zur Jetztzeit mit ihren humanen Willkommensgesten und weniger humanen Verabschiedungsimperativen grüßen laut und vernehmbar aus dem Geschichtsbuch. Den Ostdeutschen mit ihrer, vorsichtig ausgedrückt, am zurückhaltendsten ausgeprägten Bereitschaft, Flüchtlinge aufzunehmen, ist diese bekannte Ironie der Zeitläufte vorgehalten worden. Und Kettcar haben dazu nun Song und Video geliefert, wobei die Analogie bewusst Unwuchten in Kauf nimmt – dem durchschnittlichen Sozialismusflüchtling durfte man wohl allerlei Beschwernisse und auch dramatische Fluchtumstände zugestehen. Aber Krieg und absaufende Boote sind dann doch noch einmal ein anderes Kaliber.

Dafür kennt der Song, der in den Netzwerken für einige Begeisterung sorgt und mit seiner Emotionalität augenscheinlich den richtigen Ton trifft, am Ende dann doch auch Ironie: „Sie kamen für Kiwis und Bananen/Für Grundgesetz und freie Wahlen/Für Immobilien ohne Wert/Sie kamen für Udo Lindenberg/Für den VW mit sieben Sitzen/Für die schlechten Ossi-Witze/Sie kamen für Reisen um die Welt/Für Hartz IV und Begrüßungsgeld/Sie kamen für Besserwessisprüche/Für die neue Einbauküche/Und genau für diesen Traum schnitt er Löcher in den Zaun.“

Deutschlands Gegenwart in fünf Minuten

„Sommer ‘89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)“ ist ein Stellung beziehender, appellativer Song, der das Deutschland der Gegenwart in knapp fünf Minuten auf den Punkt bringt, obwohl er doch eine längst vergangene Geschichte erzählt. Für den Herbst ist das neue Kettcar-Album „Ich vs. Wir“ angekündigt, es deutet schon im Titel an, dass es der Band um mehr gehen könnte als Befindlichkeitspop.

Es wird mal wieder Zeit für Statements, besser noch aber, die Musik dazu reißt einen mit – samt Powerrefrain. So wie hier.