Konzertkritik

Die Pogues und ihr Wrack am Mikroständer

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Holger True

Die Pogues liefern im Stadtpark mitreißenden irischen Folkpunk - trotz oder gerade wegen ihres Sängers, der immer mehr zur Karikatur wird.

Hamburg. Shane MacGowan ist ein Wrack. Wer die Pogues einige Zeit nicht live gesehen und in erster Linie die alten Platten im Ohr hat, kann nur entsetzt sein, ob des ersten Eindrucks, den der Sänger der irischen Folkpunk-Band beim Auftritt im sehr gut besuchten Stadtpark macht. Leicht vornüber gebeugt schlurft er mit kleinen Schritten zum Mikro, singt „Streams Of Wiskey“. Doch vom Text ist kaum etwas zu verstehen. MacGowan kann nur noch nuscheln, verschluckt die Silben, wirkt bisweilen leicht desorientiert, hält sich am Mikrofonständer fest und nimmt während des 90-minütigen Konzerts drei Auszeiten, in denen andere singen. Dass der Mann mit dem nur noch rudimentären Gebiss ein massives Alkoholproblem hat, ist ungefähr so bekannt wie die Religionszugehörigkeit des Papstes, aber dass es so schlimm um ihn steht …

Dennoch: Wenn MacGowan am Mikro ersetzt wird, zeigt sich sofort, dass der Mann in Wirklichkeit nicht zu ersetzen ist. Deshalb scheiterten die Pogues etwa mit Joe Strummer (The Clash) als Frotmann, denn diese unverkennbar ruppige und zugleich von schmerzhaft schöner Melancholie durchdrungene Stimme hat eben nur einer: MacGowan. Ob „A Pair Of Brown Eyes“ oder „Dirty Old Town“, ob Sally MacLennane“ oder „Rainy Night In Soho” – jeder dieser Klassiker steht bzw. fällt mit dem inzwischen 54-Jährigen. Kein anderer hat dieses Charisma, kein anderer kann bei den Pogues am Mikro stehen, das ist gewiss. Ungewiss ist hingegen, wie lange Shane MacGowan noch durchhält. Ein normales Konzert bringt ihn offenbar an die Belastungsgrenze, und so deutlich ihm das Publikum auch Sympathie entgegen bringt, gelacht wird eben auch über diesen trunkenen Narren, der sich selbst jeden Tag ein bisschen mehr zugrunde richtet.

Natürlich kann bei Songs wie „Irish Rover“ und „Fiesta“ niemand stillstehen, heben all diese wunderbaren Mitgeh-Nummern die Montagabend-Stimmung beträchtlich, aber die ganz ungetrübte Freude ist es nicht.

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