Berlin. Mines neues Album „Baum“ ist wie eine schöne Collage: Schnelle Synthiesounds und elektronische Orgel in einem Track, Klavier und Streicher im nächsten. Der Kleber, der alles zusammenhält? Ihr Herzblut.

Die Musikerin Mine hat ihren 38. Geburtstag kürzlich mit einer Aioliparty gefeiert. Von einer Knoblauchcremeparty mit viel Knoblauchdeko hatte die in Berlin lebende Jasmin Stocker schon seit vielen Jahren geträumt. „Alle haben gestunken, es war super!“, sagte sie im Gespräch der Deutschen Presse-Agentur.

Ein bisschen unkonventionell ist Mine auch in ihrer Musik - aber anders als beim Partymotto kann und will sie sich nicht auf die eine Stilrichtung festlegen. „Das Schöne ist, dass ich gar nicht das Gefühl habe, auf irgendetwas achten zu müssen, sondern ich mache einfach, worauf ich Lust habe“, erklärt sie.

Synthesizer und Streicher

Und so kommt es, dass der erste Song „Baum“ eine atmosphärische Melange von Schlagzeug, Gitarre und Synthesizer ist und in einem epischen Bläser-Outro mündet - und der nächste Song fast demütig mit Klavier und Streichern auskommt. Direkt im Anschluss im Song Nummer drei: Hektische E-Orgel-Sechzehntel.

„Baum“ ist der Nachfolger von „Hinüber“. Mit der Platte ist sie 2021 auf Platz 13. der Albumcharts eingestiegen. Für die gleichlautende Single kooperierte sie mit der Schweizer Musikerin Sophie Hunger. Mine ist unter anderem Trägerin des deutschen Preises für Popkultur.

„Für mich geht es in Musik um Emotionen, dass es was mit mir macht“, so Mine. Ob die Klänge und Texte Wut, Feierlaune oder Traurigkeit auslösen - „egal“, Hauptsache Fühlen. „So möchte ich gerne wahrgenommen werden.“ Gerade textlich hat sich Mine auf diesem Album etwas weiter aus dem Fenster gelehnt.

Gefühle mal konkret geäußert

Den Song „Staub“ nutzt sie, um ihre Trauer über den Tod ihrer Mutter zu verarbeiten. „Mama, jetzt bist du Staub“, stellt sie fest - und drückt ihre Sehnsucht aus: „Ich würd dir so gern erzähl'n / Wie die Welt sich weiter dreht / Und, dass ich jetzt selber Mama bin.“

Bislang habe die Mutter von zweijährigen Zwillingen kryptischer über ihre Gefühle gesprochen, da sei mehr Raum für Interpretationen gewesen. „Früher war es mir total peinlich, über so private Dinge zu sprechen.“

Auch in ihren anderen Liedern äußert sie Zweifel, sie singt von Selbsthass, aber auch vom Über-sich-Hinauswachsen und Grenzensetzen - Themen, die vermutlich viele junge Frauen beim Erwachsenwerden verfolgen.

Abrechnung mit Ideenklau

Ein Song tanzt aber thematisch aus der Reihe - in „Copycat“ befasst sich Mine mit dem Diebstahl musikalischer Ideen. „Es gibt einige Künstler und Künstlerinnen, die sich gerne an wirtschaftlich unerfolgreicheren Leuten bedienen und das aber auch nicht crediten“, so Mine.

In ihrem Umfeld sei das schon mehrfach passiert. „Das finde ich ganz schön schäbig, das macht mich übelst sauer.“ Konkrete Namen wolle sie nicht nennen - das werde meist eher den kleineren Künstlerinnen und Künstlern zum Verhängnis. In dem Lied, das einen Hauch von modernem Rap auf die Platte bringt, rechnet sie ab: „Du bist ein Dieb, kein Artist.“

In Berlin Fühlt sich Mine frei

Die Musikerin ist aus der Nähe von Stuttgart nach Berlin gezogen - studiert hat sie unter anderem an der Popakademie in Mannheim. In Berlin fühlt sich die 38-Jährige, die in knatschorangem Hosenanzug und dicker Sonnenbrille zum Interview kommt, ziemlich wohl. „Ich war schon immer ein Vogel in anderen Städten und hab mich da nicht so frei gefühlt - hier tue ich das aber.“ Einen anderen, fast wichtigeren Grund für das Leben in der Hauptstadt hat sie aber auch: „Ich liebe das kulinarische Angebot. Ich liebe Essen so sehr. Das ist für mich Lebensqualität.“