Hamburg. Achim Reichel gilt als Urvater der deutschen Rockmusik. Der Rattles-Mitgründer verrät, was ihn antreibt, warum er sich immer wieder neu erfunden hat und was das Verrückteste seiner Karriere war.

Die Karriere-Bilanz von Achim Reichel kann sich mehr als sehen lassen: In seiner mehr als 60-jährigen Bühnenkarriere hat sich der Pionier der deutschen Rockmusik ständig neu erfunden. Schon vorher feierte er mit der Beatband The Rattles große Erfolge. Nun feiert der Hamburger („Fliegende Pferde“, „Aloha Heja He“) am 28. Januar seinen 80. Geburtstag - und macht zu diesem Anlass seinen Fans ein pralles Geschenk.

Zwei Tage zuvor erscheint mit „Schön war es doch! Das Abschiedskonzert“ ein Live-Album mit 22 seiner größten Hits. „Der Spieler“, „Regenballade“, „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“ und „Herr von Ribbeck“ sind ebenso vertreten wie das titelgebende Hildegard-Knef-Cover „Aber schön war es doch“. Natürlich ist auch dieser Song im Achim-Reichel-Stil leicht verrockt mit seiner unverkennbar tiefen, manchmal leicht rotzigen Stimme und swingenden Rhythmen.

Musiker Achim Reichel singt bei der Jubiläums-Fernsehshow „50 Jahre Beat-Club“ im Bremer Pier 2.
Musiker Achim Reichel singt bei der Jubiläums-Fernsehshow „50 Jahre Beat-Club“ im Bremer Pier 2. © Markus Hibbeler/dpa

Vor allem aber passt der Refrain zu Achim Reichels Leben, denn im Text heißt es „Aber schön war es doch und ich möcht' es noch einmal erleben. Dabei weiß ich genau: Sowas kann es doch nur einmal geben.“ Reichels Karriere ist einzigartig, kunterbunt, voller Wendepunkte und vor allem immer wieder von Erfolgen gekrönt.

Vorband der Beatles und Rolling Stones

Sie begann 1960 mit der Gründung der Rattles, die schnell neben The Lords zu den erfolgreichsten deutschen Bands dieses Genres avancierte. Auftritte als Vorband der Beatles, Little Richard und der Rolling Stones folgten. Das Musikmagazin „Laut.de“ bezeichnet ihn gar als „ersten Superstar des deutschen Beats“. Doch Achim Reichel wollte mehr, anderes, nicht mehr auf Englisch singen, sondern in seinem Heimatland etwas bewegen. „Deutschland war in den 60ern und 70ern, was Popmusik angeht, ein Entwicklungsland“, sagt Reichel dazu der Deutschen Presse-Agentur in Hamburg. „Damals gab es nur Gute-Laune-Trallala-Schlager. Die waren mir zu hohl, zu simpel. Mir fehlte die Innerlichkeit, die Spiritualität der Musik.“

Also wagte Reichel ein mutiges Experiment: Deutschen Rock'n'Roll. „Meine musikalische Kinderstube war der Rock'n'Roll der 50er“, sagt der Hamburger. „Besonders der aufregende Rhythmus und dass es nicht nur um Melodien geht, sondern vielmehr um das Gemüt zeigen beim Singen, hat mich begeistert.“

Habe gelernt „über den Tellerrand zu schauen“

Und so packte er es an, revolutionierte die „eingestaubte deutsche Musik“, nahm sich mutig Balladen und andere Texte deutscher Dichter vor, hüllte sie in ein rockiges Gewand und traf damit einen Nerv. „Ich bin ein großer Fan der Dichter und Denker und gerade die Dichtungen des Sturm und Drang passen zur Rockmusik. Das waren ja fast Hippies“, schwärmt der Musiker. Diese Zeit, in der er sich an die kulturellen Wurzeln heranwagte, war prägend für ihn: „In meiner Dichterzeit habe ich gelernt, über den Tellerrand zu schauen und nicht kommerziell zu denken.“ Da er mit den Rattles so erfolgreich gewesen war, konnte er sich das erlauben, denn er hatte „ein finanzielles Pölsterchen“ und auch eine gehörige Portion Mut.

In den 70ern wandte sich der auf St. Pauli geborene Reichel in Solo-Projekten erst avantgardistischer Trance- und Industrialmusik zu, bevor es diese Begriffe oder Strömungen überhaupt gab. Später veröffentlichte er ein Album mit Shantys - also deutschen Seemannsliedern. Seitdem singt er auf Deutsch. Das Munzinger-Archiv beschreibt Achim Reichel deshalb als einen der „verdienstvollsten Veteranen deutscher Rockmusik.“

Der Musiker Achim Reichel spielt in seinem Tonstudio auf einer seiner 25 Gitarren.
Der Musiker Achim Reichel spielt in seinem Tonstudio auf einer seiner 25 Gitarren. © Angelika Warmuth/dpa

Oft hätten ihn Menschen gefragt, warum er denn nicht etwa bei den Rattles geblieben sei oder andere populäre Musik gemacht hätte. Seine Überzeugung war und ist aber: „Trends sind etwas für Eintagsfliegen. Ich brauche das Gefühl, dass das, was ich tue, meine aktuelle Befindlichkeit spiegelt. Ich muss von dem, was ich tue, überzeugt sein und darauf Lust haben.“

Roter Faden: „Bei mir ist es immer am Rocken“

Der rote Faden seines Lebens sind die Erneuerung, das Weiter- und Vorausgehen und die Rockmusik. „Egal, ob Balladen oder Shantys - bei mir ist es immer am Rocken“, sagt Achim Reichel. „Mein Rezept ist, dass ich die Songs mit der Brille der Rockmusik angucke, ihnen einen besonderen Rhythmus gebe.“ Dass er damit gut gefahren ist, zeigt sein Erfolg, denn viele seiner Weggefährten sind schon lange nicht mehr im Geschäft. Doch abgehoben ist Achim Reichel deshalb nie. Im Gegenteil: Hanseatisch bescheiden ist er, beinahe demütig meint er, dass er schon „ein bisschen Glückskind“ sei.

Der Musiker Achim Reichel steht in seinem Tonstudio.
Der Musiker Achim Reichel steht in seinem Tonstudio. © Ulrich Perrey/dpa

Denn ausgerechnet für einen seiner größten Erfolge hat er keinen Finger gerührt. Im Jahr 2021 ging sein zu dem Zeitpunkt 30 Jahre alter Hit „Aloha Heja He“ in China viral, nachdem ihn ein Influencer als Hintergrundmusik in einem seiner Videos verwendet hatte. Das Resultat: Das Video wurde millionenfach geklickt, der Song stand mehrere Wochen auf Platz eins der Charts der Musikerkennungs-App Shazam. „Das war das Allerverrückteste, was mir in meiner Karriere passiert ist“, sagt Achim Reichel und lacht.

Letzte Tournee?

Die 80 macht ihn nun aber doch nachdenklich, wie er zugibt: „Ich habe mich immer als jugendlicher Typ gefühlt, aber nun denke ich, dass dies meine letzte Tournee wird.“ Was ganz klar nicht heißen wird, dass er nie wieder auf einer Bühne stehen wird. Denn Konzerte wird es von und mit Achim Reichel sicher noch geben. Aber eine Tournee muss es dann eben nicht mehr sein. Im März spielt der Rockpionier an 15 Terminen und freut sich vor allem auf den Blick ins Publikum, das ausrastet wie Teenager. Achim Reichel weiß, dass viele von ihnen ihm schon lange Jahre oder gar Jahrzehnte treu sind: „Meine Fans haben viel Zick-Zack von mir mitgemacht. Dafür bin ich ihnen dankbar.“