Ein weicheres Goodbye

"Thanks For The Dance": Songs aus Leonard Cohens Nachlass

Leonard Cohen berührt mit seinen Songs die Herzen.

Leonard Cohen berührt mit seinen Songs die Herzen.

Foto: dpa

Ein neuer Kinofilm zeigt Leonard Cohen vorwiegend als jungen Dichter und Musiker, vor allem als Menschen. Das nun erschienene posthume Album präsentiert ihn kurz vor seinem Tod als Songwriterlegende. Die Wirkung von Cohens Worten: so kraftvoll wie immer.

Berlin. Sein im Herbst 2016 erschienenes Album traf Fans von Leonard Cohen wie ein Schock: Die Texte auf "You Want It Darker" steckten voller Todesahnungen, die Musik war so traurig wie ein Grabgesang.

Kurz nach der Veröffentlichung starb der große Musiker mit 82 Jahren, geschwächt von einer Leukämie-Erkrankung, infolge eines Sturzes. Nun gibt es Trost in Form einer posthumen Platte.

"Thanks For The Dance" wurde, wie bereits das Abschiedswerk zu Lebzeiten, von Leonard Cohens Sohn Adam produziert. Rund 30 Minuten lang hört man gebannt der beeindruckenden Bass-Stimme des Kanadiers zu, der seit den 60ern als Folk-Poet mit Liedern wie "Hallelujah", "Suzanne" oder "First We Take Manhattan" Popgeschichte schrieb.

Im Grunde sind dies nun sorgfältig gesprochene oder melodisch geraunte Gedichte zu einer Musik, die insgesamt etwas heller und leichter klingt als auf dem weihevoll-düsteren Vorgänger. Die Arbeit daran begann im Sommer 2017, als Adam Cohen erstmals die von gemeinsamen Aufnahmen des Vorjahres übrig gebliebenen Songskizzen und Rezitationen des greisen Vaters sichtete. Er beschloss, daraus ein Nachlass-Album zu destillieren.

"Es war eine sehr emotionale Reise", sagte der 47-Jährige, selbst ein versierter Singer-Songwriter, kürzlich bei einer Interview-Runde in Berlin. "Sieben Monate nach dem Tod meines Vaters fasste ich schließlich Mut, um in mein Hinterhof-Studio zu gehen, eine umgebaute Garage. (...) Und über die Lautsprecher erklang diese donnertiefe, gebieterische Stimme. Es kamen Erinnerungen an die Gespräche mit meinem Vater hoch, als ich seine Worte hörte. Die Vorstellung, dass das alles sehr schwierig sein könnte, wurde dann abgelöst durch eine Art Pflicht. Eine Verantwortung."

Man kann heute sagen: Adam Cohen hat die "Pflicht" so liebevoll und sensibel erfüllt wie nur möglich. "Thanks For The Dance" hat nicht den Hauch von billiger Fan-Bedienung oder gar Abzocke. Unter Mithilfe von Daniel Lanois (Keyboards), Javier Mas (Laute), Beck (Gitarre), Damien Rice, Leslie Feist und Jennifer Warnes (Background-Vocals) hat der Sohn neun Lieder erschaffen, die froh machen und zugleich den Verlust eines Genies erneut schmerzlich vor Augen führen. Damit wird eine respektvolle, würdige Nachlass-Pflege fortgesetzt.

Im Herbst 2018, zum zweiten Todestag Leonard Cohens, war sein Buch "The Flame" (deutsch: "Die Flamme") mit Songtexten, Gedichten, Notizbucheintragen und Illustrationen erschienen. Vor kurzem kam die Dokumentation "Marianne & Leonard: Words of Love" in die Kinos. Der Film zeigt vor allem den jungen Cohen der 60er und 70er, er schildert ohne Voyeurismus die Beziehung des Künstlers zur Norwegerin Marianne Ihlen ("So Long Marianne") bis zum Tod der beiden innerhalb weniger Monate 2016.

Nun also ein Album, das wohl auf ausdrücklichen Wunsch des damals schon schwerkranken Musikers erscheint. "Ich wusste - und alle, die ihm nah waren, wussten es -, dass es da noch "Unfinished Business", etwas Unerledigtes, gab", betonte Adam Cohen. Sein Vater habe zu ihm gesagt: "Du musst die Arbeit, die wir gestartet haben, vollenden."

"Thanks For The Dance" sei eine Fortsetzung und doch anders als der Vorgänger, so der in Los Angeles lebende Sohn im Berliner Interview. "'You Want It Darker' war wie ein fester Händedruck, mit klarem Blick auf den Tod und auf Gott, also ein starkes Goodbye. Dagegen ist dieses neue Album nun ein weicheres Goodbye - wie eine warme Hand auf der Schulter." Sein großer Vorteil als Produzent sei gewesen, "ganz genau zu wissen, was mein Vater mochte und was nicht. Ich kannte sein Werk, ich habe diese Gedichte ja von ihm gehört, am Abendbrottisch oder vor seinem Haus in der Sonne."

Während das letzte Album zu Lebzeiten vor allem den Tod und die Unendlichkeit behandelte, hat das Nachlass-Werk nun etwas mehr Platz für die typische Rolle Leonard Cohens als Frauenverehrer und galanter Mann, sagte sein Sohn und fügte hinzu: "'Thanks For The Dance' ist daher genau der richtige Titel für diese Platte."

Auf die Frage, ob es noch mehr für Veröffentlichungen in Frage kommendes Restmaterial gebe, fällt Adam Cohens Antwort kurz und bündig aus: "Nein." Die letzten Worte auf dem zweiten Leonard-Cohen-Abschiedsalbum, im abschließenden "Listen To The Hummingbird", dürften demnach die endgültigen sein: "Listen to the hummingbird/Whose wings You cannot see/Listen to the hummingbird/Don't listen to me."

Hier darf indes widersprochen werden: Leonard Cohen, dem neben Bob Dylan vielleicht wichtigsten Dichter der Popmusik, wird man noch oft zuhören. Es lohnt sich immer wieder.