Soul Music

Raphael Saadiq: Würdiger Erbe von Marvin und Stevie

Raphael Saadiq ist mit seinem neuen Album ein Modern-Soul-Großwerk geglückt.

Raphael Saadiq ist mit seinem neuen Album ein Modern-Soul-Großwerk geglückt.

Foto: dpa

Mit seinem neuen Album beerbt der geschmackssichere Modern-Soul-Star Raphael Saadiq die größten Künstler des Genres. Aber "Jimmy Lee" ist weit mehr als nur ein Retro-Aufguss.

Berlin. Es gibt ihn noch zwischen all den synthetisch-sterilen R&B-Fließbandproduktionen - den "wahren", klassischen Soul, der bei Genre-Helden wie Marvin Gaye oder Stevie Wonder ansetzt. Raphael Saadiq hat nun eine solche Platte gemacht.

"Jimmy Lee" (Columbia/Sony) beginnt zwar mit einer Hommage an den 80er-Jahre-Soulpop der Commodores, deren berühmtes "Night Shift" Saadiq im Opener "Sinners Prayer" ganz unverhohlen zitiert. Doch die glutvolle Stimme des 53-jährigen Kaliforniers hebt das Lied sofort auf eine höhere Ebene. Ein entspannt hüpfender Bass treibt den Midtempo-Track um Beichte und Vergebung voran - toller Auftakt eines der besten Soul-Alben des Jahres, das eine gewisse Retro-Patina besitzt, aber nie epigonal klingt.

Noch besser: "So Ready", ein fingerschnippender, mit lässigem Funk-Bass à la Prince brillierender Groove-Track. Auch "The World Is Drunk" knüpft beim Sound des Minneapolis-Prinzen an, mit dem Saadiq tatsächlich als ganz junger Bassist auf Tournee ging, ehe er das Trio Tony! Toni! Toné! gründete. Die Balladen "Something Keeps Calling" und "I'm Feeling Love" erinnern stark an Stevie Wonder: Samtweich fließen die Vocals.

Zugegebenermaßen fällt "Jimmy Lee", das Saadiq seinem drogensüchtigen, an Aids gestorbenen Bruder gewidmet hat, etwas frontlastig aus: Die stärksten Stücke sind am Anfang und in der Mitte des Albums platziert, zum Ende hin nimmt die Volltreffer-Dichte ab.

Mit "Rearview" ganz am Schluss der 40-Minuten-Laufzeit gelingt Saadiq dann aber noch einmal ein echter Coup: Darauf wirkt Kendrick Lamar mit, derzeit der wohl angesagteste, wichtigste Rap-Künstler. Mit diesem Song schlägt Saadiq den Bogen von politischen Soul-Alben wie Curtis Mayfields "Move On Up" (1970) und Gayes "What's Going On" (1971) zu gesellschaftskritischen, den US-Rassismus thematisierenden Platten der Gegenwart.

Solange Knowles, John Legend, Mary J. Blige oder D'Angelo wussten den Crossover-Appeal des Sängers, Multi-Instrumentalisten und Produzenten bereits zu schätzen, als sie sich an Saadiq wandten. An mehr als 1000 Liedern soll er beteiligt gewesen sein, erhielt 18 Grammy-Nominierungen und wurde dreimal mit dem wichtigsten Musikpreis der Welt ausgezeichnet. 2012 wurde Saadiq vom "Time Magazine" in die Liste der 100 einflussreichsten Personen aufgenommen.

Fazit: Soul, Pop, Funk, Hip-Hop und auch Gospel ("Belongs To God", "Rikers Island") finden auf "Jimmy Lee" wunderbar harmonisch zueinander. Raphael Saadiq ist nach "The Way I See It" (2008) und "Stone Rollin'" (2011) ein weiteres Modern-Soul-Großwerk geglückt.

Konzerte im Oktober: 16.10. Lausanne/Schweiz, 23.10. Berlin, 27.10. Esch Alzette/Luxemburg