Deluxe-Box-Set

"Movement": Aus Joy Division wird New Order

New Order auf dem Weg zur Selbstfindung.

New Order auf dem Weg zur Selbstfindung.

Foto: dpa

Wie gelingt ein Neuanfang, wenn man keinen Plan hat? New Order haben es mit "Movement" probiert.

Berlin. Joy Division - das war eine düstere Reise ins Herz der Finsternis: Weltuntergangsongs, Tragödien, Qual, Einsamkeit und Entfremdung. Das Musikmagazin "Sounds" nannte Joy Divison "Englands größte Kult-Band seit den Sex Pistols".

Und New Order? Der Tod von Sänger Ian Curtis, der mit 23 Jahren durch Freitod starb, ließ Peter Hook, Stephen Morris und Bernard Sumner ziemlich ratlos zurück. Nur eines war klar: Irgendwie sollte es weitergehen.

Deshalb ist der Name "Movement" für das New-Order-Debüt von 1981 ein wahrlich passender Name. Bewegung. Jetzt ist das Album in einer Super-Deluxe-Edition neu aufgelegt worden. In einer prachtvollen Box gibt es "Movement" als Vinyl und CD, dazu kommen unbehauene Demos und eine DVD mit Live-Auftritten aus den Jahren 1980 - 1983.

Der ganz große Wurf sollte "Movement" damals für Joy Division noch nicht werden. Als eine Art Hybrid ist es einerseits der endgültige Abschluss der Joy-Divison-Ära, andererseits weist es aber auch schon auf den zukünftigen Weg von New Order hin. Sie sind noch da, die an Velvet Underground orientierten düsteren Schleppklänge, aber der Einsatz von Synthie-Sounds und Drum Machine, die mehr Dynamik ins Spiel bringen, lässt bereits erste Disco-Anklänge durchschimmern. Einen Weg, den auch Gang of Four, SPK oder Cabaret Voltaire gehen sollten.

Es kündigt sich eine neue Zeit an: Post-Punk trifft auf Giorgio Moroder und Kraftwerk. Keine Frage: New Order, bei denen Gillian Gilbert (g, keyb, Voc, Programming) mit eingestiegen ist, sind mit neuer Aggressivität und viel Verve auf dem Weg zum Dancefloor. Zur "tollsten Disco-Band der achtziger Jahre" ("Village Voice") ist es aber noch ein Stück Weg. "Blue Monday", bis 1988 die weltweit meistverkaufte Maxi-Single, bisher nur eine Ahnung.

Der große Trumpf des Box-Sets ist, einer zutiefst verunsicherten Band, in der Ian Curtis schmerzlich vermisst wurde, beim Werden zuzusehen, zuzuhören. Da war nicht nur die Suche nach einem neuen Sound, da gab es am Anfang ganz handfeste Probleme: "Wie kann ich singen und Gitarre spielen? Ich bin nicht der verdammte Roger Whittaker", wird Bernard Sumner im Hardcover-Booklet zitiert, das mit einem erkenntnisreichen Essay, zahlreichen Fotos und dem ersten New-Order-Interview reichlich Hintergrundmaterial bietet.

Und so mühen und plagen sich New Order bei ihrem Neubeginn ziemlich ab. Vor allem die DVD ist ein aufschlussreiches Dokument über das Werden und sich Finden einer Band. Vom zerfaserten Geschrammel und schrägen Tönen eines Auftritts im New Yorker Club "Hurrah's" bis zu den souveränen BBC-Sessions (1982) ist es ein Quantensprung. Die Metamorphose hat geklappt: Aus Joy Divison ist endgültig New Order geworden. Ein Kapitel fast abgeschlossen, ein neues fast geöffnet.