Musik

Und ewig lockt das Gold

Die Symphoniker Hamburg führen die Oper „Mahagonny“ halbszenisch auf

Das Internationale Musikfest Hamburg bietet Veranstaltern und Interpreten Gelegenheit, sich zum Saisonfinale mit Ausnahmeprojekten ins Rampenlicht zu stellen. Auch die Symphoniker Hamburg nutzen das Festivalpodium für ein Programm, das den Rahmen des normalen Konzertbetriebs sprengt: Am 27. Mai bringt das Orchester Kurt Weills „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ in die Laeiszhalle, unter Leitung von Jeffrey Kahane und in einer halbszenischen Produktion.

Die Uraufführung der Oper im Jahr 1930 ist als krachender Misserfolg und einer der größten Musikskandale der Weimarer Republik in die Geschichte eingegangen. Buhrufe und lautstarke Tumulte unterbrachen die Premiere, die der Dirigent nur mit Mühe zu Ende bringen konnte. Kriminelle, Nutten und Zuhälter auf der Bühne in einem Stück, das sich vor allem ums Fressen, Saufen und Vögeln dreht – eine Zumutung für das Opernpublikum, zumal mit einer eindeutigen politischen Botschaft: „Übelste kommunistische Propaganda“, lautete ein vernichtendes Urteil.

Kurt Weill und sein Librettist Bertolt Brecht hatten offenbar einen Nerv getroffen: mit ihrer – wie für das Festivalthema „Utopia“ maßgeschneiderten – Geschichte von der Gründung der imaginären Paradiesstadt Mahagonny mitten in der amerikanischen Wüste, in der die Männer von der Goldküste sich ins vermeintliche Vergnügen stürzen. Boxkämpfe, Bars und Bordelle locken zwielichtige Typen und übles Gesindel in die neue Amüsiermetropole. Moral spielt keine Rolle, alles ist erlaubt – außer, seine Zeche nicht zu zahlen. Das erfährt auch Holzfäller Paule am eigenen Leib, der wegen Mangel an Geld zum Tode verurteilt wird. Dumm gelaufen. Aber so ist das halt, wenn Gier die Gesetze diktiert.

Prägnant und mit aus heutiger Sicht geradezu prophetischem Weitblick schildern Brecht und Weill den Exzess eines entfesselten Kapitalismus, aber nicht als tragisches Drama, sondern als schmissige Satire, mit knackigen Reimen, griffigen Melodien und einem grellbunten Mix aus ganz unterschiedlichen Stilen. Jazz, Blues und Foxtrott treffen auf Märsche, Filmmusik und Zitate von Bach, Weber und Wagner, Instrumentalmusik auf eingängige Lieder wie den „Alabama-Song“, in dem sich die Hure Jenny und sechs Mädchen zu Beginn der Oper vom Mond verabschieden und ihre Hoffnung auf ein besseres Leben besingen.

Diese auf kunstvolle Weise grob montierten Versatzstücke zu einem großen Spannungsbogen zu fügen ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Aber eine, die Jeffrey Kahane gerne annimmt. Wie sehr ihm das Schaffen von Kurt Weill am Herzen liegt, hatte der US-amerikanische Dirigent und langjährige Chef des Los Angeles Chamber Orchestra schon 2011 demonstriert, als er bei den Symphonikern Hamburg eine denkwürdige Aufführung von Weills zweiter Sinfonie leitete.

Die Solopartien sind mit exzellenten Solisten besetzt. Die junge Sopranistin Nadja Mchantaf, in Husum geboren und seit ihrem Festengagement in der Hauptstadt als neue „Berliner Opernprinzessin“ gefeiert, gibt etwa die Hure Jenny, Jeanne-Michèle Charbonnet die Witwe Begbick und der großartige Tenor Brenden Gunnell den Holzfäller Jim Mahoney. Als vokaler Saisonpartner der Symphoniker Hamburg ist außerdem die Europa Chor Akademie mit von der Partie. Der Designer Peter Schmidt, der sich selbst als „närrischer Opernfreak“ bezeichnet, hat den Abend für das Internationale Musikfest halbszenisch eingerichtet.

„Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ 27.5., 19.00,Laeiszhalle. Tickets (14,- bis 71,-) unterT. 35 76 66 66

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