Musik

Stille Nacht? Nicht in Brasilien

Die Hamburger Camerata bittet zu einem Weihnachtskonzert der besonderen Art

Kein Begriff trifft die deutsche Weihnachtsstimmung so genau wie das Wort „Besinnlichkeit“. Draußen taucht der Schnee die Welt in friedliches Weiß, drinnen sitzen wir vorm Tannenbaum und summen zur Bescherung „Stille Nacht“: So stellen sich viele Menschen ihr Lieblingsweihnachten vor.

Rund 10.000 Kilometer entfernt, auf der Südhalbkugel, sieht das Fest der Freude naturgemäß ganz anders aus. Dorthin verlegt die Hamburger Camerata ihr diesjähriges Weihnachtskonzert am 21. Dezember mit dem Titel „Natal do Brasil“ – gewissermaßen, denn natürlich findet das Konzert in der Laeiszhalle statt.

In Brasilien fällt der Feiertag zur Geburt Jesu mitten in die Sommerzeit, bei sonnigem Wetter mit Temperaturen um die 30 Grad. Schneemann bauen fällt flach, statt Tannen werden Palmen und Mangobäume geschmückt, und nach dem Mitternachtsessen gibt’s eine rauschende Party mit Singen, Tanz und Feuerwerk.

Diese ausgelassene Stimmung spiegelt sich auch im Concertino von Ronaldo Miranda wider, einem der Hauptwerke des Programms. Der brasilianische Komponist, Jahrgang 1948, empfängt die Hörer mit knackigen Rhythmen im Orchester, über denen der Pianist Marco Antonio de Almeida seinen virtuosen Klavierpart entfaltet. Das knapp 20-minütige Stück birgt auch einige ruhigere, sangliche Passagen, findet jedoch immer wieder zu einem frischen Groove zurück.

Marlos Nobres kurzes „Desafio III“ schlägt einen anderen Ton an und verbindet den eher düsteren Drive im zweiten Teil („Vivo“) mit einer ruhigen Einleitung der Violine – Vorhang auf für Konzertmeister Gustav Frielinghaus, der die Camerata vom ersten Pult aus leitet und hier auch als Solist in Erscheinung tritt.

An einem Abend mit brasilianischem Kolorit darf der bekannteste Komponist des Landes, Heitor Villa-Lobos, natürlich nicht fehlen. In seiner Werkreihe der ­„Bachianas Brasileiras“ hat Villa-Lobos die Tradition von Johann Sebastian Bach – für ihn die „Quelle aller Musikschöpfung“ – aufgegriffen, sie mit südamerikanischen Einflüssen angereichert und so eine ganz eigene, neobarocke Klangsprache kreiert. Die neunte und letzte seiner „Bachianas Brasileiras“, die in der ersten Hälfte erklingt, ist unverkennbar vom Wohltemperierten Klavier inspiriert.

So wie Villa-Lobos zwei ganz unterschiedliche Stile und Epochen miteinander verschmilzt, so schlägt auch das Konzertprogramm eine Brücke zwischen den Welten. Neben den brasilianischen Werken präsentiert die Hamburger Camerata eine Bach-Pastorale – arrangiert vom ehemaligen künstlerischen Leiter Claus Bantzer – sowie einen Doppelpack von Mozart, mit der frühen D-Dur-Sinfonie KV 81 sowie dem Klavierkonzert A-Dur KV 414, dessen Andante ein Thema von Johann Christian Bach zitiert und eine wehmütige Stimmung verbreitet. Ein bisschen Andacht ­gehört dann eben doch dazu, wenn das Christkind vor der Tür steht.

Dieser Mix aus europäischer Klassik und südamerikanischen Werken beschert den Besuchern ein neues, in Deutschland noch nicht so bekanntes Festtagsgefühl: die weihnachtliche Brasinnlichkeit.

Festliches Weihnachtskonzert 21.12., 20.00, Laeiszhalle. Karten zu 11,- bis 31,- unter T. 45 33 26

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