BGH-Verhandlung

Künstlerin kämpft um "Mannheimer Loch"

"HHole" in der Kunsthalle Mannheim.

"HHole" in der Kunsthalle Mannheim.

Foto: dpa

Die Installation "HHole" von Nathalie Braun Barends war einst ein Aushängeschild der Kunsthalle Mannheim. Im neuen Architektur-Konzept ist dafür kein Platz. Aber darf man Kunst einfach wegmodernisieren?

Karlsruhe/Mannheim. Es geht um ein Loch, das nicht mehr da ist. Um enttäuschtes Vertrauen und die große Frage, wie viel Schutz Kunst für sich beanspruchen kann. Auch die Forderung nach einer mächtigen Summe Schadenersatz steht im Raum.

Aber: "Es geht nicht um Geld. ... Das Wichtige ist die Kunst", sagt Nathalie Braun Barends. "Ich habe Werke anvertraut, die jetzt verschwunden sind."

Am Donnerstag steht die zierliche blonde Künstlerin, die mehr in der Welt als in Berlin zu Hause ist, vor Saal H 123 des Karlsruher Bundesgerichtshofs (BGH) und unterdrückt die Tränen. Der Kampf für ihre Vorstellung von Gerechtigkeit nimmt sie sichtbar mit. Gut zwei Stunden haben die Richter verhandelt. Auf das Urteil müssen alle Beteiligten nun mindestens einige Wochen warten.

Keine 70 Kilometer weg von hier ist die Kunsthalle Mannheim, und es ist nicht allzu lange her, da war Braun Barends dort gerne mit ihren Arbeiten zu Gast. Nacht für Nacht "atmet" ab 2007 im Kuppeldach ihre Lichtinstallation "PHaradise", als würde der historische Billing-Bau vor kultureller Energie pulsieren. Drinnen, im Athene-Trakt, auf sieben Gebäudeebenen die Installation "HHole": ein Werk aus Licht, Wasser, Erde und Gold, verbunden durch kreisrunde Öffnungen in den Geschossdecken und einen senkrechten Lichtstrahl, der über das Dach hinaus bis in die "unendlichen Weiten des Kosmos" reicht.

Dem damaligen Kunsthallen-Direktor Rolf Lauter ist das "Mannheimer Loch" so wichtig, dass er 2006 Zehntausende Euro für Feuerwachen ausgibt. Die Deckenöffnungen durchlöchern den Brandschutz - bis das bestellte Sicherheitsglas da ist, muss zu den Öffnungszeiten ein Feuerwehrmann auf das "HHole" aufpassen. Lauter stört das nicht: "Es ist doch ein wunderbares Kunstwerk, wer es sieht, ist begeistert."

Heute steht die Kunsthalle längst unter anderer Leitung, überhaupt ist nicht mehr viel, wie es einmal war. Der sanierungsbedürftige Mitzlaff-Bau ist einem spektakulären Neubau gewichen, mit Brücken, Treppen, Terrassen in lichtem Weiß, einem riesigen Glasdach und transparenter Außenhaut. Anfang Juni 2018 war große Neueröffnung.

Das "Mannheimer Loch" passt den Architekten nicht ins Konzept. Heute ist der Athene-Trakt offen bis unters Dach, einzig eine "schwebende" Brücke führt hindurch und verbindet Alt und Neu. Das Dach des Billing-Baus ist saniert - seither fehlt die Lichtinstallation.

In Mannheim sieht man, was das Vorgehen angeht, keine Probleme. "Die Kunsthalle durfte sich von diesen Werken trennen", meint Thomas Drosdowski, der das städtische Rechtsamt leitet. Es habe sachliche Gründe gegeben, die Kunsthalle zu sanieren. "Sie war in dieser Form nicht mehr geeignet für internationale Ausstellungen."

Aber für Braun Barends ist die Sache nicht erledigt. Seit Jahren streitet sie sich mit der Stadt, die die Kunsthalle betreibt, vor Gericht. Dass sie die Entfernung ihrer Arbeiten nicht stoppen konnte und längst Tatsachen geschaffen sind, lässt sie nicht aufgeben. Beide Kunstwerke stünden für Leben und könnten wiederbelebt werden. Sie will, dass ihre Installationen in den neuen Räumlichkeiten einen Platz bekommen. Andernfalls verlangt sie Schadenersatz - mindestens 220.000 Euro für "HHole", mindestens 90.000 Euro für "PHaradise".

Bisher ohne Erfolg. Das Interesse der Stadt an dem Um- und Neubau gehe vor, urteilt zuletzt 2017 das Oberlandesgericht Karlsruhe. Der Urheber könne "grundsätzlich nicht erwarten, dass der Eigentümer mit dem Erwerb des Kunstwerks die Verpflichtung eingehen will, dieses für die Dauer des Urheberrechtsschutzes - also bis 70 Jahre nach dem Tod des Werkschöpfers - unter Inkaufnahme einer weitgehenden baulichen Veränderungssperre auf seinem Grundstück zu erhalten".

Ganz so kategorisch wird es der BGH nicht sehen, so viel zeichnet sich in der Verhandlung am Donnerstag ab. Viele Fragen spielen eine Rolle: Welchen künstlerischen Rang hat das Werk? Hatte der Künstler Gelegenheit, es vor der Vernichtung zu dokumentieren? Ist es für den Gebrauch bestimmt oder "zweckfrei"? Aber auch der Vorsitzende Richter Thomas Koch sagt: Das Eigentümerinteresse ist ein wichtiger Punkt.

Womöglich bleibt der Künstlerin am Ende also doch nur Geld: Für "HHole" war einmal eine Vergütung von 70.000 Euro vereinbart, der Senat zieht in Erwägung, dass Braun Barends diese Summe auch heute noch vollständig zustehen könnte. Bekommen hat sie bisher 4000 Euro.