Herzversagen:

Alexander Solschenizyn ist tot

Der russische Literaturnobelpreisträger starb im Alter von 89 Jahren in seinem Haus in der Nähe von Moskau. Solschenizyn wurde mit der Trilogie "Archipel Gulag", in der er die Gräuel der sowjetischen Gefangenenlager unter Stalin beschreibt, weltberühmt.

Moskau. Der russische Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger Alexander Solschenizyn ist im Alter von 89 Jahren gestorben. Er erlag am Sonntagabend einem Herzversagen in seinem Haus in der Nähe von Moskau, wie sein Sohn Stepan sagte. Solschenizyn war der bekannteste Regimekritiker zu Sowjetzeiten und einer der bedeutendsten Schriftsteller Russlands überhaupt. Präsident Dmitri Medwedew sprach der Familie sein Beileid aus.

Solschenizyns Hauptwerk ist die Trilogie "Archipel Gulag". In diesem literarisch-dokumentarischen Werk setzt er sich mit dem bis dahin geheimen System sowjetischer Gefangenenlager auseinander und machte die stalinistische Herrschaft begreifbar. Seine Schilderungen veränderten auch die Einstellung vieler westlicher Intellektueller zur Sowjetunion grundlegend.

Solschenizyn war der älteste lebende Literaturnobelpreisträger. Er hinterlässt seine Frau Natalja, die auch seine Sprecherin war, sowie seine drei Söhne Jermolai, Ignati und Stepan. Alle drei leben in den USA.

Solschenizyn wurde 1918 im Nordkaukasus geboren und zog als Kind mit seiner Mutter nach Rostow am Don, wo er nach dem Abitur an der Physikalischen und Mathematischen Fakultät studierte. Danach arbeitete er kurz als Physiklehrer und wurde 1941 zur Roten Armee eingezogen. In den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges wurde er wegen abfälliger Bemerkungen über Stalin verhaftet. Er hatte den Machthaber in einem Brief als den "Mann mit dem Schnauzbart" bezeichnet. Solschenizyn verbrachte damals mehrere Jahre in Straflagern.

Nach einer kurzen Karriere in der Sowjetunion als Schriftsteller Anfang der 60er Jahre in der Zeit von Parteichef Nikita Chruschtschow fielen seine als zu politisch betrachteten Werke in Ungnade. 1970 wurde er mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Normalerweise ehrt die schwedische Akademie der Wissenschaften Schriftsteller erst nach Jahrzehnten des Schaffens. Solschenizyn durfte für die Auszeichnung nicht nach Stockholm reisen. Die Anfeindungen der Behörden verschärften sich, als 1973 in Paris der erste Band der "Gulag"-Trilogie erschien.

Solschenizyn schloss sich schließlich einer Gruppe Bürgerrechtlern an, wurde 1974 verhaftet, ausgebürgert und nach Westdeutschland abgeschoben. Aufnahme fand er zunächst beim Schriftstellerkollegen Heinrich Böll. Später zog er in die Schweiz. 1976 verließ er die Schweiz und zog mit seiner Familie auf eine Farm nahe der Kleinstadt Cavendish im US-Staat Vermont.

Im Westen hatte Solschenizyn in den Folgejahren die Rolle des Mahners, Moralisten und Propheten, der in Vorträgen und Interviews immer wieder eindringlich vor zu großen Zugeständnissen an die Sowjetunion warnte. Sein moralischer Rigorismus, mit dem er auch die westlichen Demokratien kritisch bewertete, fand gleichermaßen Anklang und Ablehnung.

Anfang der 90er Jahre wurde er in Russland rehabilitiert und erhielt seine Bürgerrechte zurück. Mitte der 90er Jahre kehrte er unter großem Medieninteresse nach Russland zurück. Später äußerte er sich verärgert und enttäuscht darüber, dass die meisten seiner Landsleute seine Bücher nicht gelesen hatten. Solschenizyn blieb bis kurz vor seinem Tod ein kritischer Beobachter des neuen Russlands. Ähnlich wie der frühere Staatspräsident Wladimir Putin lehnte er eine russische Gesellschaft nach westlichem Vorbild ab und sprach sich dafür aus, dass das Land seinen eigenen Weg gehen müsse.