Theater Hamburg

Liebe auf Distanz in Zeiten von Fridays for Future

| Lesedauer: 3 Minuten
Angelina (Alicja Rosinski) lebt in ihrem Kinderzimmer recht beengt.

Angelina (Alicja Rosinski) lebt in ihrem Kinderzimmer recht beengt.

Foto: SINJE HASHEIDER / Sinje Hasheider

Zwischen Blankenese und Osdorfer Born: Stanislava Jevićs Stück „Out there“ überzeugt am Jungen Schauspielhaus trotz Längen mit Charme.

Hamburg. Angelina verliebt sich in Leo. Was gewisse Probleme mit sich bringt. Nein, nicht weil Leo sich als genderfluid versteht und mit dem Pronomen „dey“ angesprochen werden möchte. Das ist nur eine kurze Irritation, die Angelina sich fragen lässt, ob sie jetzt eigentlich lesbisch ist oder nicht, aber eine 15-Jährige im Jahr 2022 hält das aus. Problematisch ist, dass Leo und Angelina sich einander noch nie begegnet sind. Sie sind beide bei Fridays for Future aktiv, und sie mögen dieselben Filme – aber Angelina wohnt im Osdorfer Born, Leo in Blankenese. Da läuft man sich nicht über den Weg, also verliebt man sich über soziale Medien und Messenger. Auf lange Sicht schwierig.

Stanislava Jevićs Stück „Out there“, das die Spielzeit im Jungen Schauspielhaus abschließt, ist eine Liebesgeschichte dicht an der Lebenswirklichkeit heutiger Jugendlicher. Girl meets genderfluiden Girl-Boy, und das Leben spielt sich weitgehend virtuell ab. Regisseurin Dominique Enz hat ein einleuchtendes Bild gefunden für die zwei Liebenden, die sich nah sind und gleichzeitig eine riesige Distanz zueinander aufgebaut haben: Gespielt wird auf zwei Bühnen.

Theater Hamburg: Liebe zwischen Plattenbau und Villa

Im Studio des Jungen Schauspielhauses begegnet das Publikum Angelina (Alicja Rosinski) in ihrem Kinderzimmer, das Ausstatterin Katrin Plötzky so kuschelig wie beengt gestaltet hat, mit Dachschräge und Linoleumboden. Und nach 45 Minuten wechselt das Publikum ein paar Meter weiter, in die Hochschule für Musik und Theater, in der Leos (Emma Bahlmann) Kinderzimmer steht, weiträumig, mit Stuckdecke und Parkett. Ganz zurückhaltend werden so die sozialen Unterschiede dargestellt, die dem Paar, dem man doch nur das Beste wünschen möchte, zu schaffen machen.

Wenn Angelina und Leo sich mal schwärmerische, mal unsichere Nachrichten schreiben, dann werden die per Leuchtschrift an die Zimmerwände geworfen. Und wenn sich erst Leo, dann Angelina zurückzieht und auf Nachrichten nicht antwortet, dann werden die Wände nach und nach überschwemmt, erst mit irritierten, dann besorgten, schließlich bösen Botschaften. Wie soll jemand im Altbau denn auch verstehen, wie es dem Gegenüber im Plattenbau geht? Aber auch: Wie soll jemand im Plattenbau verstehen, dass man auch in der Villa Probleme haben kann?

Politisches Engagement der beiden wichtig für ihr Selbstverständnis

Rosinski und Bahlmann spielen das mit dem ihnen eigenen jugendlichen Charme. Eine Freude ist, wenn die Liebenden es am Ende hinzukriegen scheinen. Dieser Charme überdeckt, dass das Stück gewisse Längen hat. Wenn Leo fürchtet, dass sich die Freundin trennen möchte, werden mehrere Horrorszenarien durchspielt – spätestens beim zweiten hat man verstanden, was Sache ist.

Natürlich ist das politische Engagement der beiden wichtig für ihr Selbstverständnis, aber vielleicht ist eine ganze Rede bei der Klimaschutz-Demo doch zu lang? Aber es sind Kleinigkeiten, die dieser so sympathischen wie heutigen Liebesgeschichte keinen Abbruch tun.

„Out there“ wieder 29.5., 18.00, 8.6., 10.30, 9./11.6., 19.00, Junges Schauspielhaus, Wiesendamm 28, Karten zu 14,- unter T. 24 87 13; www.schauspielhaus.de

( fks )

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Kritiken