Elbphilharmonie

So könnte es klingen, wenn im Großen Saal die Engel zirpen

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Marcus Stäbler
Philippe Herreweghe leitet seit 1970 das Collegium Vocale Gent.

Philippe Herreweghe leitet seit 1970 das Collegium Vocale Gent.

Foto: Hermann Wöstmann / picture-alliance / dpa

Der Dirigent und sein Collegium Vocale Gent mit Mozart-Werken in Hamburg zu Gast. Die Aufführung bleibt in Erinnerung.

Hamburg.  Im „Et incarnatus est“ aus seiner c-Moll-Messe schreibt Mozart eine der vielleicht schönsten Arien geistlicher Musik. Der Sopran schwebt mit Oboe und Flöte über den Streichern und beschwört eine innige Stimmung. Ein Staunen über die Menschwerdung Jesu, zerbrechlich und zart. Beim Konzert in der Elbphilharmonie am Totensonntag ist das mehr als nur anrührende Musik. Als Regula Mühlemann mit ihrem leichten Timbre silbrige Linien zeichnet und sich von den Holzbläsern in die Schwerelosigkeit tragen lässt, scheint kurz eine Tür aufzugehen, nach ganz weit oben.

Ja, vielleicht klingt es so, wenn Engel zirpen. Dieser Moment profitiert vom edlen, wie für Mozart gemalten Klang der Sopranistin und den Farben der historischen Instrumente, auf denen die Mitglieder des Orchestre des Champs-Elysées so herrlich spielen. Er belegt aber auch eine besondere Gabe von Philippe Herreweghe. Der flämische Dirigent versteht es wie nur wenige Kolleginnen und Kollegen, vokale und instrumentale Stimmen zu einem organischen Ganzen zu verschmelzen.

Philippe Herreweghe lässt Sophie Harmsen viel Raum

Das gelingt ihm in den Solopartien, etwa wenn er der Mezzosopranistin Sophie Harmsen im „Laudamus te“ viel Raum lässt, den sie mit stimmlicher Wärme und einem betörenden Reichtum an Nuancen füllt. Dieses Gespür offenbart er aber auch und nicht zuletzt in den Chorpassagen, die in der Messe eine zentrale Rolle einnehmen.

Herreweghes Collegium Vocale Gent – ein international besetzter Projektchor der Spitzenklasse – ist von einer gemeinsamen Idee geeint: dem Einverständnis, dass niemand forcieren muss, dass die Interpretation immer dem Rhythmus der Sprache und dem Sinn des Textes folgt. Besonders eindringlich gelingt das im „Qui tollis“.

Elbphilharmonie: Chor fleht „miserere nobis“

Hier scheinen Orchester und Chor unter einer schweren Last zu ächzen, sie erzählen von den Sünden der Welt, die Jesus auf seinen Schultern trägt. Und dann sinkt der Chor plötzlich, angeführt vom ersten Sopran, ins weiche Piano, und fleht „miserere nobis“ („Erbarme Dich unser“), in einem Rhythmus, der den sicheren Halt des Vierertakts in Frage stellt. Schutzlos steht der Mensch da und erbittet göttlichen Trost. Sehr ergreifend, gerade in dieser Zeit.

Philippe Herreweghe, der studierte Mediziner und Psychologe, sucht und findet seelenheilende Kräfte in der Musik. Vor allem dort, wo sie einem Text begegnet. Im rein instrumentalen Repertoire ist dagegen eher sein zweites Zuhause. Vor der Pause leitet er die berühmte g-Moll-Sinfonie von Mozart. Herreweghe ergründet die Emotionen, mit seinem exzellenten Orchester, das ihn auch dann versteht, wenn er aufs klassische Dirigieren verzichtet und den Charakteren der Sinfonie mit unkonventionellen Gesten nachspürt. Das klingt lebendig, transparent und teilweise aufregend, gerade durch die Akzente der Bläser – aber eben nicht ganz so magisch wie im zweiten Teil. Die Aufführung der Messe bleibt in Erinnerung. Musikalisch und mit einer Tiefe des Ausdrucks, die lange nachwirkt.

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