Theaterkritik

Grimm im Altonaer Theater: Mit Deutsch-Rap und Reggae-Hymne

| Lesedauer: 4 Minuten
Stefan Reckziegel
Im Mittelpunkt steht die Sprache: Jan-Christof Scheibe, Michael Ehnert und Kristian Bader (v.l.) widmen sich im Altonaer Theater den Brüdern Grimm.

Im Mittelpunkt steht die Sprache: Jan-Christof Scheibe, Michael Ehnert und Kristian Bader (v.l.) widmen sich im Altonaer Theater den Brüdern Grimm.

Foto: G2 Baraniak

Mit „Grimms sämtliche Werke … leicht gekürzt!“ gelingt dem Trio Ehnert, Bader und Scheibe in Altona eine theatral-komische Abhandlung.

Hamburg. „Es war einmal...“, dass die Märchen der Brüder Grimm genau so begannen. Jedoch längst nicht immer. Und erdacht haben Jacob (1785-1863) und Wilhelm Grimm (1786-1859) diese Geschichten ohnehin nicht, sondern über viele Jahre aufgeschrieben und gesammelt. So weit die Fakten.

Noch mehr Erhellendes, auch weitere Tatsachen, hat Michael Ehnert in „Grimms sämtliche Werke … leicht gekürzt!“ zusammengetragen. Der schreibende Hamburger Schauspieler ist ein Spezialist für derlei Abhandlungen. Das hatte er mit Kristian Bader und Jan-Christof Scheibe vor einigen Jahren in den tolldreisten Stücken „Schillers sämtliche Werke … leicht gekürzt!“ und „Goethes sämtliche Werke … leicht gekürzt!“ im Altonaer Theater und bundesweit auf Tournee gezeigt. Und ähnlich ist es nun in diesem Herbst und Winter in Altona mit den Grimms.

Grimms Werke am Altonaer Theater – leicht gekürzt

Die Zahl „Drei“ hat im Märchen eine besondere Bedeutung, die „Sieben“ ebenso. Dem Trio Ehnert, Bader und Scheibe geht es aber nicht darum, einzelne (Schauer-)Geschichten nachzuspielen - anders als bei Schiller und Goethe existieren von den Grimms ohnehin kaum Bühnenfassungen. In „Grimms sämtliche Werke … leicht gekürzt!“ geht es Ehnert und Co. vielmehr um die Sprache und deren Entwicklung im Laufe von zwei Jahrhunderten.

Die „Kinder und Hausmärchen“ der Brüder Grimm sind ein deutscher Bestseller, übersetzt in mehr als 100 Sprachen. Die Grimms wurden als Sprachwissenschaftler, Volkskundler und Gründerväter der Germanistik verehrt, als Teil der „Göttinger Sieben“ politisch verfolgt. Und auch wenn wir Jacob und Wilhelm, als „die Brüder Grimm“ kennen, so waren sie vom Wesen und Art her doch grundverschieden.

Zwischen Romantik und Nationalismus

Bader und Ehnert arbeiten das in deren Figuren heraus. Scheibe springt – wie schon bei den Schiller- und Goethe-Programmen – in unterschiedliche Frauenrollen. Etwa wenn er als Großmutter des Teufels zeigt, wie es zur deutschen Kleinstaaterei kommen konnte. Alle drei bewegen sich zwischen Romantik – Clemens Brentano und Achim von Armin lassen schön grüßen – und Nationalismus.

Das deutsche Wörterbuch schließlich mit dem Deutsch, das wir großteils noch heute sprechen, ist ein Grimm’sches Werk; das Stück in Martin Maria Blaus Regie erzählt auch von der Überwindung der Kleinstaaterei und vergisst dabei die Aufklärung nicht.

Grimms Werke am Altonaer Theater: Willkommen im Hier und Jetzt

Was ist deutsche Kultur? Autor Ehnert, das kommt zur Schau respektive Show, hat sich darüber reichlich Gedanken gemacht. Er und seine Kompagnons liefern keine endgültigen Antworten, sie singen, reimen und tanzen. Doch ihr Mix aus improvisiertem Schauspiel, Kabarett mit biografischen Elementen, neuen Liedern und ungeahnten Choreografien reicht mit Spitzen über Genderwahn, Cancel Culture und Political Correctness bis in die Gegenwart.

Etwa wenn Ehnert überspitzt fragt, was falsch sei an „Schneewittchen“. Die diskriminierende Nachsilbe sei das Äquivalent zu „Fräulein“, moniert Bader. Weil „Schneewitte und die sieben Zwerge“ total bescheuert klinge, ändert Scheibe den Märchentitel spontan in „Schneewitte und die sieben Kleinwüchsigen“. Die „Wortkommissare“ haben gesprochen – willkommen im Hier und Jetzt.

Grimm in Altona mit Deutsch-Rap und Reggae-Hymne

Ein von Scheibe neu komponierter Deutsch-Rap und die Reggae-Hymne auf das Semikolon sind hörbare Zeichen dessen. Danach könnte zwar immer noch etwas kommen, doch fast zweieinhalb Stunden (inklusive Pause) bieten so oder so genug Gesprächsstoff.

„Grimms sämtliche Werke … leicht gekürzt!“ wieder 14.-16.11. u. 1.-17.12., Altonaer Theater (S Altona), Museumstr., 17, Karten zu 18,- bis 40,- unter T. 39 90 58 70; www.altonaer-theater.de

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