Elbphilharmonie

Wie die Wiener Philharmoniker alles aus dem Ärmel schütteln

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Gautier Capuçon arbeitete hart an seinem phänomenalen Goffriller-Cello.

Gautier Capuçon arbeitete hart an seinem phänomenalen Goffriller-Cello.

Foto: Sebastian Madej

Bei seinem Tourneestop in der Elbphilharmonie macht das Orchester nie den Eindruck, es müsste sich irgendwie anstrengen.

Hamburg. Souveränität und Lässigkeit. Wer hätte die nicht gern? Die Wiener Philharmoniker strahlen bei ihrem Tourneestop in der Elbphilharmonie beides großzügig aus. Nie macht dieses Orchester den Eindruck, es müsste sich irgendwie anstrengen – die Musik fließt einfach, klangschön und überzeugend, akkurat, ohne bemüht zu wirken.

Die vielen Geschichten, die Antonín Dvorák in seinem Cellokonzert erzählt, werden unter der temperamentvollen, umsichtigen Leitung von Alain Altinoglu wunderbar plastisch. Die Holzbläser dürfen sich für ihre Kantilenen Zeit nehmen, das Horn bläst seine Piani mit exquisiter Zärtlichkeit, wie überhaupt der Kopfsatz mit seinen Szenenwechseln und Flüster-Dialogen geradezu erotisch aufgeladen ist.

Das gewiefte Opernorchester macht alle Temposchlenker mit

All das scheinen die Wiener aus dem Ärmel zu schütteln – manches wirkt freilich, als hätten sie die innere Beteiligung etwas zu gut dosiert. Als gewieftes Opernorchester machen sie sämtliche Temposchlenker mit. Und natürlich bereitet auch das himmelhoch jubelnde Geigensolo am Ende des dritten Satzes dem Konzertmeister Rainer Honeck keine erkennbare Mühe.

In dieser Passage tritt der Gegensatz zum Solisten besonders deutlich zutage. Gautier Capuçon arbeitet hart an seinem phänomenalen Goffriller-Cello. Er platziert all die Läufe und rasanten Oktavaufgänge gewohnt präzise. Wenn er beschließt, die Lautstärke bis zur Unhörbarkeit herunterzudimmen, hat das natürlich Wirkung, zumal der bekennende Kammermusiker seinen Kollegen genau zuhört. Aber Gautier Capuçon stellt diese Wirkung aktiv her, statt auf sie zu vertrauen. Das ist ein wenig schade, so lebendig das Cellokonzert an diesem Abend klingt. Und die Zugabe, Antonín Dvoráks „Lied an den Mond“, natürlich auch.

Der Slawische Tanz von Dvorák mit Wiener Schwung

Mit der (einzigen) Sinfonie von César Franck betritt das Orchester nach der Pause die Welt der architektonisch komplexen, tiefsinnigen Instrumentalmusik. Da sind Altinoglu und die Musiker ganz bei sich, gehen gemeinsam in Steigerungen hinein wie die am Schluss des ersten Satzes. Bei den funkelnden Begleitfiguren der zweiten Geigen im langsamen Satz schmeißt der Stimmführer allein die Show. Kleinere Heterogenitäten bleiben selbst bei einem Orchester wie diesem nicht aus. Was der Freude des Publikums keinen Abbruch tut. Als Zugabe gibt’s nochmal Dvorák: den Slawischen Tanz op. 72 Nr. 2. Mit Wiener Schwung, na klar.

( vfz )

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