Kritik

Am Ernst Deutsch Theater kommts ganz schön dicke

| Lesedauer: 5 Minuten
Annette Stiekele
Auf der Drehbühne wird es surreal: Sophie Speidel spielt einen stummen Engel und Opa (Vedat Erincin) trägt gern Frauenkleider.

Auf der Drehbühne wird es surreal: Sophie Speidel spielt einen stummen Engel und Opa (Vedat Erincin) trägt gern Frauenkleider.

Foto: Oliver Fantitsch

Die Premiere “Träum weiter“ setzt das setzt das Hamburger Theater einen klaren Akzent zum Auftakt der Jubiläumsspielzeit.

Hamburg. Auf die Bahn warten. Das kennen ja leider die meisten von uns. Die junge Nil jedoch scheint gleich an einem ganz toten Gleis gelandet zu sein. Die Anzeigetafel zeigt gar keine Züge mehr an. An Unterhaltung bieten sich ihr nur eine karge Bank und ein Kaffeeautomat. Und so bleibt Nil, gespielt von Rana Farahani, nichts weiter übrig, als zermürbendes Warten. Aber so ist das eben, wenn man im Zwischenreich von Tod und Leben gestrandet ist.

Nil ist infolge einer Epilepsie ins Koma gefallen, ihre äußere Hülle liegt als Cello aufgebahrt im Krankenbett, das die rotierende Drehbühne bald sichtbar macht. Mit der Premiere von „Träum weiter“ der mit dem Filmpreis dekorierten Drehbuchautorin Nesrin Șamdereli setzt das Ernst Deutsch Theater einen klaren Akzent zum Auftakt der Jubiläumsspielzeit, in der es 70 Jahre Theaterschaffen zu feiern gilt mit all den Themen, die an diesem Haus immer wichtig waren: Toleranz, Offenheit, Dialog, Engagement – auch Spiellust. Da passt die von Mohammad-Ali Behboudi durchaus ambitioniert in Szene gesetzte Komödie.

Am Krankenbett treffen die Eltern der Komatösen aufeinander

Eva Humburg hat ein wirklich tolles Bühnenbild entwickelt mit einem einladenden Krankenzimmer in Pastelltönen, das auch mit überlebensgroßen Projektionen schön verzerrter Bilder, etwa von Jahrmarktszenen, wie aus dem Jenseits aufwartet. Der ehemalige Einstürzende-Neubauten-Musiker FM Einheit hat einige hübsch befremdliche EKG-Geräusche und beunruhigende Elektronik addiert. Im Diesseits wird es alsbald turbulent.

Denn am Krankenbett treffen die lang getrennten, aufgeregten Eltern der Komatösen aufeinander: Die – türkische – Friseuse Fidan (Karime Vakilzadeh), der der Stolz auf ihren in mittleren Jahren gut erhaltenen Körper aus jeder erhabenen Geste spricht. Ihr Ex-Mann Yannis (Dimitri Tellis) entpuppt sich als ein äußerst patriotisch gesonnener Grieche mit Hang zu jungen, anlehnungsbedürftigen Blondinen. Das Aufeinandertreffen dieser beiden, die sich gegenseitig die Vorzüge von Griechentum und Osmanentum entgegenschleudern, ist natürlich ziemlich klischeehaft, manchmal auch arg überdreht, aber doch auch komisch. Und es wäre wahrscheinlich sehr platt, wenn da eben nicht ein Cello im Bett liegen würde. Aber dieses Bild bricht mit dem Realismus und zieht eine beinahe metaphysische Ebene ein.

Transgender-Chefarzt verteilt auch mal Ohrfeigen

Etwas Surreales umgibt auch den von Oliver Warsitz mit viel Exzentrik angereicherten Transgender-Chefarzt. Unter seinem üppigen Weißblond-Haar bekommt er alles mit, versetzt Angehörigen schon mal die eine oder andere Ohrfeige, nennt Yannis in einem Anfall von Alltagsrassismus hartnäckig „Papadopoulous“ und lebt danach seine Hygiene-Ticks am Waschbecken aus.

Das ist alles gut ausgedacht und zum großen Teil auch gekonnt. Die Autorin, bekannt geworden durch „Almanya – Willkommen in Deutschland – legt in dieser interkulturell angelegten Komödie gleichwohl den Fokus eher auf Familienkonflikte und Gender-Problematik als auf das Thema Migration. Und so schneit dann irgendwann auch Nils’ von Schuldgefühlen geplagte Ex-Freundin Nora, Katharina Pütter, ins Krankenzimmer.

Die Eltern nehmen die Offenbarung, dass ihre Tochter gleichgeschlechtlich liebt, zwar kurz verstört, aber letztlich doch gefasst auf. Bei all jenen, die hier wach sind, gibt es etwas zu entlarven. Sei es ein patriarchales Denken, latenter Rassismus – und auch das Gegenteil davon. Denn Nora wiederum krankt an einem Helferkomplex, der sie von einer interkulturellen Familie träumen lässt. Doch warum bei einem Gastarbeiterkind wie Nil bleiben, wenn es traumatisierte Flüchtlinge gibt?

Kontraste verleihen dem Abend Profil

Die Schauspielerinnen und Schauspieler transportieren diese Momente mal mehr – auch mal etwas weniger souverän, mitunter auch etwas angestrengt. Das ist eigentlich kein Wunder, die Autorin fasst hier ganz schön viele Themen auf einmal an, was dazu führt, dass die Figuren zum Teil nur angerissen werden.

Es sind dann doch eher die Kontraste, die dem Abend Profil verleihen. Sophie Speidels sanft durch die Räume streifender stummer Engel. Und die traumartigen Sequenzen im Bahnhof-Zwischenreich. Dort erhält Nil nämlich Besuch von allerlei Untoten aus der Vergangenheit. Ihr erster Freund (Peter Christoph Grünberg) serviert ihr eine traurige Melodie auf der Geige. Ihre Kunstlehrerin (Sina-Maria Gerhardt) rühmt im Pop-Art-Kleid ihr kreatives Talent. Und der Großvater (Vedat Erincin) offenbart seine geheime Vorliebe fürs Crossdressing.

In diesen stärksten Szenen des Abends überzeugt Farahani als kämpferische, selbstbewusste junge Frau. Die Katastrophe des Komas wird, und das ist sehr klug konstruiert, zum Katalysator für eine Familiendynamik, bei der am Ende die ganz großen Emotionen ausgepackt werden. Das ist zwar ganz schön dicke, aber auch wahrhaftig.

„Träum weiter“ bis 19.9. am Ernst Deutsch Theater, Friedrich-Schütter-Platz 1, Karten unter T. 22 70 14 20; www.ernst-deutsch-theater.de

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Kritiken