Auf die Ohren

Neues von Nick Cave, Ryan Adams, Cassandra Jenkins

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Der australische Sänger Nick Cave.

Der australische Sänger Nick Cave.

Foto: dpa

Das neue Album von Nick Cave ist ein düsterer Trip. Unter den großartigen Liedschreiberinnen dieser Tage ragt Cassandra Jenkins heraus.

Hamburg. Über den theatralischen Gestus, die Melodramatik im Werk Nick Caves hätte man zu allen Zeiten einiges schreiben können. Aber je dunkler die Stunden für den Leidensmann Cave zuletzt wurden, je mehr er stellvertretend die Bürde trug und die Hiebe ertrug, die das Schicksal ihm auferlegte, desto gewaltiger wurde der Ton, den seine Songs setzten. Er hat, um es anders zu formulieren, dem begnadeten Pop-Komponisten und Multiinstrumentalisten Warren Ellis, mit dem er seit langer, langer Zeit zusammenarbeitet, in großem Umfang Soundbefugnisse gegeben. Chöre, Streicher, allerschönstes Klimpern, graziöses Wabern: All das ist auch auf „Carnage“ (Goliath Records, Download etwa 8 Euro, CD/Vinyl ab 28.5.) zu hören, dem abermaligen Meisterwerk, auf dem Cave predigt, als gäbe es niemals mehr einen Morgen. „The moon is a girl with tears in her eyes“, singt er einmal.

Und was bei anderen Oberschüler-Peinlichkeit-Verdacht hervorriefe, ist bei Cave pures poetisches Genie. „Carnage“ ist kraftvoll, aufbäumend, ein Trip zu den dunkelsten Gemetzeln der Seele. Solche Musik macht derzeit nur einer, der mit Warren Ellis jemand an seiner Seite hat, der dieselben Albträume hat. Die anderen Mitglieder der Bad Seeds machen, auch Lockdown-bedingt, derzeit Pause.

Pausiert hat auch Ryan Adams. Er ist, wenn man so will, das personifizierte Gegenteil des in der Spätphase seiner Karriere unantastbaren Nick Cave. Der unheilige Adams ist nach dem Skandal um sexuelles Fehlverhalten und emotionalen Missbrauch das Schmuddelkind der Songwriterszene. Ein tief gefallenes, manisch arbeitendes Genie, über den die Schauspielerin und Musikerin Mandy Moore – sie war eine der sieben Beschuldigerinnen in dem Artikel der „New York Times“ – nichts Gutes mehr mitzuteilen hat. Man ist geneigt zu sagen: Das spricht Bände, wenn jemand nach sieben Jahren Ehe nur noch pestet. Privat muss Adams eine hochproblematische Figur sein.

Und dennoch, muss man nicht Werk und Urheber trennen dürfen? Dieser Meinung kann man sein, und deswegen ist festzuhalten: „Wednesdays“ (Paxam, Download etwa 10 Euro, CD/Vinyl ab 19.3.) ist ein gutes, stimmiges Album. Es ist eines der Alben, die Adams einst für 2019 angekündigt hatte und die dann nach seinem persönlichen #MeToo-Kapitel erst mal doch nicht veröffentlicht wurden. Das erste Stück heißt „I’m Sorry And I Love You“. Großes Songkino mit Schmelz, auf das sich der Vielschreiber so versteht wie wenig andere. Wem der Falsettgesang vor Streichern allerdings zu süß ist, der wird eher die anderen, Folk-basierten Songs mögen. Sie zeigen einen Musiker auf der Höhe seiner Kunst. Ein Jammer, wie dieses Album abgeschmiert ist.

Die Affäre Adams legte auch die Machtverhältnisse im Popgeschäft offen, wo Frauen so nachrangig behandelt werden, dass, Pardon, Arschlöcher der Gattung Mann als Türsteher firmieren dürfen, die über Zugang oder Abweisung entscheiden. Was immer das eine mit dem anderen zu tun haben mag, es bleibt festzuhalten: Vielleicht noch nie war die Songwritermusik so weiblich geprägt wie heute.

Unter der Vielzahl großartiger Liedschreiberinnen und Interpretinnen ragt dieser Tage die glorreiche Cassandra Jenkins heraus. Ihr derzeit schwer angesagtes Album heißt „An Overview On Phenomenal Nature“ (Ba Da Bing, CD ca. 15 Euro). Es ist bestechend in den Songtexten (einmal heißt es tatsächlich, passt jetzt gerade: „Men have lost touch with the feminine“), und „Hard Drive“ ist der hypnotischste und am meisten süchtig machende Song seit Langem.

( tha )

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