Buchkritik

Tocotronic – oder: Wie der Indierock die Welt sieht

Tocotronic bei einem Konzert in der Alsterdorfer Sporthalle  in Hamburg (Archivbild).

Tocotronic bei einem Konzert in der Alsterdorfer Sporthalle in Hamburg (Archivbild).

Foto: picture alliance / Jazz Archiv

„Sie wollen uns erzählen“ versammelt illustrierte Geschichten über zehn Stücke der einst in Hamburg gegründeten Rockgruppe.

Hurra, ein Tocotronic-Comic , so ging sie, die innere Jubelattacke, als die frohe Kunde kam. Musik und Graphic Novel, das ist doch immer gut. Arne Bellstorfs „Baby’s In Black. The Story Of Astrid Kirchherr & Stuart Sutcliffe“ fällt einem ein, oder Reinhard Kleists „Johnny Cash: I See A Darkness“. Nun also die wichtigste deutschsprachige Band des vergangenen Indierock-Jahrhunderts.

Dürre Trainingsjackenträger, liebevoll und knallbunt oder schwarz-weiß gezeichnet, in der Roten Flora 1994, ploppten vor dem inneren Fan-Auge auf – Gitarrenakkorde als Pinselstriche.

Frei schwebender Zugang zum Tocotronic-Universum

Aber: Klarer Fall von vorschneller Erwartungshaltung. Das Comicbuch „Sie wollen uns erzählen“ erzählt nicht vordringlich die Bandhistorie nach oder wenigstens ein entscheidendes Kapitel jener; es geht stattdessen allein um Illus­trationen, Strips und künstlerische Arbeiten zu insgesamt zehn Tocotronic-Songs.

Also etwas ganz anderes, nämlich die auf diese Weise gewährleistete zeichnerische Spreizung und Vielfalt einerseits – Herausgeber Michael Büsselberg gewann zehn Illustratorinnen und Illus­tratoren mit je eigener Signatur. Andererseits den frei schwebenden Zugang zum Tocotronic-Universum, wo die Stücke den Bereich ihrer Erfinder verlassen und dem in diesem Fall zeichnenden Zuhörer und seiner Imagination übereignet werden. So sind die Songs und ihre Texte Anlässe autonomer Gedankenwelten. Mit denen treibt es der Band weit.

Auch der Hamburger Sascha Hommer ist vertreten

Er ist, auf den Punkt gebracht, ein wilder, anarchischer Mix der Abstraktion. Sascha Hommer, in Hamburg beheimateter, aber wie Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow aus Baden stammender Illustrator, bleibt in seiner Interpretation des Tocotronic-Klassikers „Drüben auf dem Hügel“ zwar dem utopischen Grundgedanken treu, wonach auf der anderen Seite, „im letzten Abendsonnenschein“, das gemeinsame Glück wartet.

Allerdings ist es bei ihm nicht die badische Jugend („An unserem letzten Sommerferientag“), die sich im goldenen Licht versammelt, sondern Rundwesen der speziellen Art. Außerirdische vielleicht? Möglicherweise. Jedenfalls ist die Sonne schon sehr bald nicht mehr zu sehen, und gegen die Düsterkeit hilft: ein Kartenspiel.

Illustrationen so plakativ wie die Lieder, die sie inspiriert haben

Eva Feuchters Illustration des ultimativen Abgesangs „Aber hier leben, nein danke“ ist eine konturenstarke Erinnerung an durchgetanzte Nächte. Aber die Ouvertüre ist das Streichholz, das in Brand gesetzt wird – das Feuer ist die Negation, die den Song durchzieht.

Nicht wenige Arbeiten in „Sie wollen uns erzählen“ sind also so plakativ wie die Lieder, die sie inspiriert haben. Slogan-Strips wie Moni Ports „Die Erwachsenen“ funktionieren schlaglichternd wie Bilder, die kurz aufblenden und in diesem Fall, begleitet vom Songtext („Man kann den Erwachsenen nicht trauen“), das Jungsein zelebrieren.

Dirk von Lowtzow selbst ist es, der übrigens jeden Comic in diesem Buch mit ein paar Worten zum jeweiligen Text einleitet. Zu „Die Erwachsenen“ fällt ihm ein, wie die bekannte Literaturwissenschaftlerin Daniela Strigl eine von Thomas Bernhard geklaute Stelle (die „Hosen mit den schütteren Stellen“) öffentlich als „blanken Unsinn“ bezeichnete. Herrlich.

Man sollte die Humoreignung Tocotronics nicht unterschätzen

Bei aller Lust an der Assoziation sind die überwiegend narrativen Stücke die stärksten. Philip Waechter greift in „Electric Guitar“ den von Dirk von Lowtzow auf dem Album „Die Unendlichkeit“ breitflächig ausgelegten autobiografischen Faden auf. Die „Teenage Riot im Reihenhaus“ zeigt den Heranwachsenden, wie er sich als posierender Gitarrenheld selbst erfindet und später seine Unschuld verliert.

Am plastischsten wird die Beziehung zwischen Musik und Comicerzählung aber in Christopher Taubers und Katja Klengels „Let There Be Rock“. Diesen Comic charakterisiert auch etwas, was den andern meist fehlt: Er ist komisch. Man sollte die Humoreignung Tocotronics nicht unterschätzen.

Der Bonus-Track stammt von Arne Zank, dem Tocotronic-Schlagzeuger

Die größte und zwischen Ernst und Ironie situierte Tocotronic-Hymne gibt in dieser detailreich und realistisch (trotzdem angenehm: die lilafarbene Tönung) gestalteten Geschichte den Hintergrund eines besonders tristen bundesrepublikanischen Bildungsromans ab: die Rückkehr aus Berlin in die Tristesse der Kleinstadt. Kathrin zieht nach zwei Jahrzehnten zurück zu den Eltern. Vorübergehend, na klar, aber: was für eine Schmach. Die Läden, in die man früher ging, gibt es nicht mehr, und aus dem Auto heraus sprechen einen Typen an, deren Namen man nicht mehr weiß, mit denen man aber augenscheinlich mal die Schulbank drückte. Was hilft? Auf der Straße der Verdammnis laut „Let There Be Rock“ schmettern.

Der Bonus-Track dieses kurzweiligen Buchs, das Popmusik- und Comic-Fans allemal verzücken wird – „Songcomic“ ist ein Konzept, das ausgebaut werden dürfte –, stammt von Arne Zank, dem Tocotronic-Schlagzeuger. „Tocotronic spielen sich selber“ ist dann doch noch die sehr eigene Bandgeschichte mit gemalten Bühnenhelden: Unbedarfte, ungekonnte, sehr niedliche Zeichnungen – Drei-Akkord-Illustrationen, irgendwie, und da schließt sich dann der interdisziplinäre Kreis.

Michael Büsselberg (Hg.): „Sie wollen uns erzählen. Zehn Tocotronic-Songcomics“, Ventil Verlag, 124 S., 25 Euro