Konzertkritik

Claire Huangci: Als würde sie im Wohnzimmer spielen

Pianistin Claire Huangci gab eines der letzten Elbphilharmonie-Konzerte vor der erneuten Schließung aller Kultureinrichtungen.

Pianistin Claire Huangci gab eines der letzten Elbphilharmonie-Konzerte vor der erneuten Schließung aller Kultureinrichtungen.

Foto: Gregor Hohenstein

Am Abend nach Bekanntgabe des erneuten Kultur-Shutdowns spielte die US-Pianistin mit chinesischen Wurzeln in der Elbphilharmonie.

Hamburg.  Wo genau soll sich da bitte jemand anstecken? Diese Frage ist ein hartnäckiger Begleiter auf dem Weg zur Elbphilharmonie, kurz nach der frustrierenden Nachricht, dass wieder alle Kulturveranstaltungen verboten werden. Unabhängig davon, ob dort jemals was passiert wäre.

Auf der Rolltreppe fahren fünf Menschen, weit voneinander entfernt und natürlich alle mit Mund-Nasen-Schutz. An der Garderobe hängt genau ein Mantel. Und im Saal selbst sind sowieso viel mehr Lücken als Leute auf den Plätzen. Da hat das Virus eigentlich keine Chance. Sagt ja auch der Virologe Jonas Schmidt-Chanasit, der das Hygienekonzept sehr gut kennt.

Aber lassen wir das. Es gibt ja noch Musik. Und die verdünnte Besetzung im Publikum hat auch ihre Vorteile, sie betont eine besondere Stärke des Großen Saals: Obwohl er über 2000 Besucherinnen und Besucher fasst, verströmt er oft eine wohlige Intimität. Das Gefühl von Nähe und Behaglichkeit – in diesen Zeiten besonders kostbar – inszeniert der Soloauftritt von Claire Huangci besonders geschickt. Ein dezentes Spotlight taucht sie und den Flügel in ein warmes Licht. Als wäre der Raum ein großes Wohnzimmer. In diesem heimeligen Setting spielt die US-Amerikanerin mit chinesischen Wurzeln Werke aus drei verschiedenen Epochen, von Bach, Corigliano und Schubert.

Wie schon bei ihrem Recital vor knapp einem Jahr, beeindruckt die feingliedrige Pianistin auch jetzt wieder mit einer Fülle an Nuancen. Huangci tupft, tröpfelt und trillert die Töne in Bachs D-Dur-Toccata, sie lässt Motive kreisen und Rhythmen pulsieren, als wäre es das Einfachste auf der Welt. Dass sie über eine brillante Technik verfügt, demonstriert sie auch in John Coriglianos „Etude Fantasy“. Einem Stück, das zu Beginn mehr Sprünge, Wirbel und gemeißelte Attacken allein in die linke Hand legt als andere Werke auf vier Hände verteilen. Krass, wie ihre Finger im Highspeed über die Tasten krabbeln.

In der A-Dur-Sonate von Franz Schubert scheint Huangci ihre Virtuosität hier und da eher im Weg zu stehen, weil die Momente des Ringens eine Spur zu mühelos gelingen. Aber das Andantino, mit seinem Gefühl von gehaltenen Tränen, das singt sie ganz innig und wunderbar. Solche Momente sind es, die jetzt wieder fehlen werden. Wenn wir uns plötzlich von etwas berühren lassen, was nur in dieser Sekunde passiert.