Symphoniker Hamburg

Mahler und mehr als Anspielungs-Tombola

Martha Argerich spielte Ravels „La Valse“.

Martha Argerich spielte Ravels „La Valse“.

Foto: Adriano Heitman

Das „Lied von der Erde“-Projekt der Symphoniker Hamburg. Audio-Video-Ergebnis wirkt willkürlich und bauchnabelbesichtigend.

Hamburg. Freud, Schnitzler, Mahler, Walter Benjamin, Heiner Müller… eine All-Star-Band aus Geistesgrößen im Abspann, mit Zitaten als intellektuelle Sättigungsbeilage vertreten, und dazu ein hochinteressant zusammengestelltes Programm. Der musikalische Teil des Argerich-Festival-Ersatzes, den die Symphoniker Hamburg täglich bis Sonntag (jeweils 19 Uhr) online zeigen, hat viel Charme, und das beileibe nicht nur, weil es ihn trotz allem überhaupt gibt. Raunende Weisheiten und elegisch schöne Bilder und Grafik-Zaubereien werden neben das Konzert-Bild eingeblendet, konsequent ohne innere Bindung an die Kompositionen, obwohl ein Zitat wie „Auf dieser Bühne wird nicht gestorben“, von wem auch immer, am Ende von Hindemiths eindringlicher Trauermusik hübsch punktgenau gesetzt ist.

Dieser Konzept-Rahmen, der die Kurzkonzerte zum schlaumeiernden Dramaturgen-Projekt „Die liebe Erde allüberall“ macht, der mindert allerdings die Freude über das zu Sehende und zu Hörende. So wirkt das Audio-Video-Ergebnis wie eine Anspielungs-Tombola, willkürlich und bauchnabelbesichtigend, l’art pour l’art ohne rasanten Erkenntniszuwachs. Der triste Anblick, den zwei schutzmaskierte Umblätterer neben den zwei Flügeln für Ravels „La Valse“ bieten, ist da noch gar nicht eingepreist.

Bonus-Konzert mit Argerich und Renaud Capuçon

Andererseits: Martha Argerich, der Einzigartigen, virtuell auf die Finger sehen zu können, ist ein Glück, das einem keine noch so gute Laeiszhallen-Platzkarte bietet. Daniel Behle als Solist im ersten Abschnitt des Mahler-Zyklus beweist die sensible Klugheit und tenorale Strahlkraft, die es für diese Musik braucht; Grund zur Wehmut bleibt die arg verkleinerte Kammer-Besetzung, die aus dem großformatigen Original, bei aller Mühe ums Detail, „Liedchen von der Erde“ macht, denen Chefdirigent Sylvain Cambreling aber Halt und Form gibt.

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Warum danach Weberns Sechs Stücke für Orchester op. 6, Klassiker der frühen Moderne, Bestandteil des Programms sind? Bestimmt ableitbar, aber auch völlig egal. Diese Musik ist so eigen abstrakt, so feinmolekular konstruiert, dass sie jeden Auftritt verdient hat. An den nächsten Abenden geht es weiter, Mahler-Satz für Mahler-Satz, eingepasst in Kammermusik von Mozart bis Strawinsky (am Donnerstag, 20 Uhr, folgt ein Bonus-Konzert mit Argerich und Renaud Capuçon) und mit dem gesamten Mahler-Zyklus am Sonntag als Finale. Der Mixed-Media-Anteil wird bis dahin Gewöhnungssache geworden sein.

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