CD-Kritik

James Taylor liefert amerikanische Wertarbeit

Für sein neues Studio-Album hat sich der fünffache Grammy-Gewinner bei Klassikern aus dem Great American Songbook bedient.

Hamburg.  Lieblingsmusik verwebt sich eng mit unserem Gedächtnis. Der Körper trägt Töne und Texte über Jahre und Jahrzehnte in sich. Ein Speicher, der sich immer wieder anzapfen lässt. Und manche Klassiker leben in besonders vielen Menschen fort. Daher ist es schön und wichtig, dass Musiker diese Lieder immer wieder neu interpretieren, sie in die Gegenwart holen. So wird das popkulturelle Erbe fortgeführt.

Musikalische Tradition zu pflegen und aufzufrischen ist nun dem Sänger und Gitarristen James Taylor äußerst fein gelungen. Der fünffache Grammy-Gewinner hat sich für sein 19. Studioalbum „American Standard“ einige Evergreens der US-Unterhaltungskultur vorgenommen. Nummern der 1920er- bis 1950er-Jahre aus Revuen und Musicals wie „My Fair Lady“ und „Carousel“ verleiht Taylor eine ganz eigene Note: Die meist pianobasierten Stücke transportiert er in Songs zur Akustikgitarre.

Das Team ist keine Experimente eingegangen

Direkt beim Eröffnungslied wird diese Metamorphose hörbar: „My Blue Heaven“, ein 1928 durch den Entertainer Gene Austin berühmt gewordener Hit, klingt nun nicht mehr nach Crooner-Schmelz. Bei Taylor verwandelt sich die Nummer in eine sanft swingende Singer-Songwriter-Ode. Und Henry Mancinis „Moon River“ wird zur komplex schattierten Ballade. Die schlichten Arrangements lassen die pure Schönheit dieser langlebigen Musik erstrahlen. Und sie geben viel Raum für Taylors sanfte wie hoffnungsvolle Stimme. Der US-Musiker, der morgen seinen 72. Geburtstag feiert, ist ein stark erzählender Interpret: Die alten Texte singt er so, dass ihre Geschichten lebendig werden. Dass sich die Worte neu fühlen lassen.

Gemeinsam mit Jazzgitarrist John Pizzarelli und Produzent Dave O’Donnell hat Taylor das musikhistorische Material bearbeitet. Hier ein Bläsersatz, dort ein Backgroundchor – das Team ist keine Experimente eingegangen, sondern fokussiert sich ganz auf die Zeitlosigkeit der Werke. Der Jazzstandard „The Nearness Of You“, bekannt durch eine Interpretation von Glenn Miller, ist mit sachtem Percussion-Beat unterlegt. „The Surrey With The Fringe On Top“ aus „Oklahoma!“ wird seines überartikulierten Drucks enthoben und gerät zur lässig-augenzwinkernden Nummer. Und der „Ol’ Man River“ aus „Show Boat“ rollt zwar melancholisch, aber ohne Drama und Pathos durch sein Klangbett.

Er sei mit diesen Liedern aufgewachsen, sagt Taylor. „Sie waren Teil der familiären Plattensammlung, und ich hatte ein Gespür dafür, wie man sich ihnen nähern sollte.“ Daher habe es sich für ihn ganz natürlich angefühlt, die 14 Stücke zusammenzustellen. Ein Album, das selbst das Zeug zum Klassiker hat.