Kritik

„Norma“ in der Staatsoper: Am Ende gab es lustlose Buhrufe

Gespaltene Persönlichkeit: Norma (Marina Rebeka) schweigt im Finale im Vordergrund und verbrennt symbolisch im Hintergrund.

Gespaltene Persönlichkeit: Norma (Marina Rebeka) schweigt im Finale im Vordergrund und verbrennt symbolisch im Hintergrund.

Foto: Hans Jörg Michel / HANS JÖRg Michel

Bellinis Belcanto-Drama feierte Premiere in Hamburg. Der Staatsopern-Chor hat schon solider geglänzt.

Hamburg. Solange die Pasta al dente ist, können die Stühle im Lokal ruhig ständig knarzen und der Kellner durch Abwesenheit nerven? Mit dieser gastronomischen Perspektive kann man zwar satt werden, rundum froh aber nur bedingt.

Dass die Staatsoper ihr diesjähriges „Italienische Opernwochen“-Sortiment mit einer Neuinszenierung von Bellinis „Norma“ dekoriert, bringt einen der dramaprallsten Belcanto-Klassiker zurück in den Spielplan.

"Norma" in der Staatsoper: Am Ende gab es Buhrufe

Tragische Heldin ist eine Druidenpriester-Kriegerin, zwischen Liebe und Eifersucht, Pflichtgefühl und Kinderliebe hin- und hergerissen, am Ende verzweifelt und heroisch in den Flammentod gehend. Alles drin also, was das Publikumsherz in diesem Repertoire-Gebiet begehren kann, und die „Casta diva“-Cavatine ist spätestens seit der Charisma-Granate Maria Callas ein Mitsumm-Garant wie sonst nur der „Nabucco“-Gefangenenchor.

Doch so erfreulich die meisten sängerischen Leistungen bei der „Norma“-Premiere am Sonntag auch waren, so stoisch enthielt sich das Deutungskonzept von Yona Kim jeder zwingenden oder gar überzeugenden Notwendigkeit.

Am Ende kassierte die Regisseurin, die 2018 Peter Ruzickas Kunst-Stück „Benjamin“ an der Dammtorstraße realisiert hatte, eher lustlos wütende Buhrufe aus dem Saaldunkel. Nicht einmal für eine ordentliche Aufregung reichte es noch.

Das unschöne Wort „Arbeitsverweigerung“ drängte sich ins Bewusstsein

Die Norma von Marina Rebeka – durchdringend präsent, bis hinab ins leise Leiden und ohne Ermüdungsbrüche in den kraftverbrennenden Höhen – war ein Ereignis. Die warm leuchtende Leichtigkeit der Aldagisa von Diana Haller ein zweites. Die Stimmfarben ergänzten sich bestens, in jenen Passagen kurzer Schicksalsgenossinnen-Harmonie war es ein Genuss, diesen Szenen zuzuhören.

Doch im Laufe des Abends drängte sich angesichts der Standbein-Standbein-Regie ansonsten mehrmals das unschöne Wort „Arbeitsverweigerung“ ins Bewusstsein. Kims Konzept ruhte sich auf drei tragen sollenden, aber ziemlich hohlen Säulen aus: sich bis in die Farbgestaltung der Kostüme und Kopfummantelungen hinein auf die dystopische Serie „The Handmaid’s Tale“ zu beziehen, die Margaret Atwoods Beschreibung einer orthodoxen, frauenfeindlichen Männerwelt brutal verstärkt; den Tenor mit seiner einzigen Geste, dem beidarmigen Stoffel-Darben, beim Souffleurkasten zu parken; den Rest der Erzählung dem Schauwert des Bühnenbilds von Christian Schmidt zu überlassen.

Alte Opernstoffe sind ja erstaunlich reißfest

Zu sehen war allzu oft ein Container, der mit dem Kinderzimmer von Normas halbrömischem Nachwuchs unterkellert war, den sie letztlich aber doch nicht umbringt. Drumherum waberte ein Gruselwald, wahrscheinlich aus Stephen Kings „Kinder des Zorns“ umgetopft.

Das in etwa war es aber auch schon. Es sei denn, der schwarze Vorhang kam erlösend herunter und blendete selbst das noch aus, während sich das Ensemble am Bühnenrand in die Nähe einer konzertanten Aufführung sang. Hin und wieder nahmen einige Gallierinnen ein Blatt vor den Mund und hantierten langsam mit Fleischermessern statt Sicheln. Kann man machen, alte Opernstoffe sind ja erstaunlich reißfest.

Zu wenig glutvolle Eindringlichkeit

Das damalige, von Römern besetzte Gallien war sicher kein Streichelzoo, und wer weiß schon, welche heidnischen Riten beim Kampf der Besetzten gegen das Imperium gepflegt wurden. Doch man sollte schon klarer ersichtliche Gründe mitliefern als einen Vorwand für Szenen-Rätsel im Irgendwie, wie jene Götter-Magd, die sich im zweiten Akt im Halbdunkel aufschlitzte.

Matteo Beltramis Dirigat war ordentlich, hatte aber zu wenig glutvolle Eindringlichkeit und melodienwebende Intensität, um der feinen Rhetorik gerecht zu werden, die noch reifer Bellini war und deswegen auch nicht kompakt wie früher Verdi klingen sollte. Verbindlichkeit legte sich über das Klangbild und die gut gemeinte Absicht, nichts unnötig zu riskieren. Auch der Staatsopern-Chor hat schon solider geglänzt als bei manchen Auftritten im zweiten Akt.

Die Stimmen erfüllten im Großen und Ganzen die Erwartungen

Kims Personenregie in ihrem unverortbaren Einerlei: stehen bleiben, singen lassen. Stimmen wirken lassen. Zumindest dieser Teil der Inszenierung erfüllte im Großen und Ganzen die örtlichen Erwartungen, sieht man vom Tenor Marcelo Puente ab, der als Besatzungsoffizier Pollione und als Auslöser des Gefühls-Durcheinanders zu erdulden war. Anfangs sang er das „bel“ in Belcanto eher klein, später blieb es bei angestrengter, massiger, farbarmer Pflichterfüllung.

Erst im Finale (andererseits: wo und wann, wenn nicht dort?) bekam man eine Ahnung von der tragischen Größe, der abgründigen Qualität und der Erzähl-Fallhöhe, die diese „Norma“ haben kann. Die sie nicht nur sängerisch verdient gehabt hätte.

Weitere Termine: 11. / 14. / 17. / 20. / 23.3. jew. 19.30 Uhr, Karten (6–109 Euro) unter T. 356868, www.staatsoper-hamburg.de.

CD-Tipp: Bellini „Norma“ Cecilia Bartoli, Sumi Jo etc. Orchestra La Scintilla (Decca, 2 CDs, ca. 17 Euro)