Konzertkritik

Marilyn Mazur spielt wie ein Luftgeist in der Fabrik

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Heinrich Oehmsen
Marilyn Mazur bei einem Konzert im November 2019 in Dänemark.

Marilyn Mazur bei einem Konzert im November 2019 in Dänemark.

Foto: picture alliance / Photoshot

Mit Leichtigkeit ließ die Musikerin die Schlegel über Felle und Becken fliegen. Leichte Kost sind ihre Kompositionen dabei aber nicht.

Hamburg.  Um sie herum sind Becken aufgehängt wie Wäsche an der Leine. Die Trommeln und anderen Perkussionsinstrumente nehmen fast ein Drittel der Bühne in der Fabrik ein. Marilyn Mazur hat sich mächtig breit gemacht an diesem Abend, aber es ist ja auch ihr Abend „Percussion!“ heißt er und präsentiert die dänisch-amerikanische Trommlerin und Komponistin in den verschiedenen Facetten ihres Werks von den 70er-Jahren bis heute.

Eingeladen haben sie Geir Lysne und die NDR Bigband. Der Leiter des Hamburger Ensembles kennt die Musik dieser überragenden Musikerin sehr gut und weiß um ihre Fähigkeiten als Instrumentalistin und als Komponistin. Deshalb wollte er unbedingt einen Abend mit ihr gemeinsam gestalten. Mit Jeff Ballard, sonst unter anderem der Drummer in den Trios von Brad Mehldau du Chick Corea, sitzt ein weiterer Schlagzeuger mit auf der voll gestellten Bühne.

Die Musik erinnert an Stücke von Miles Davis

Das Konzert beginnt für Mazur im Stehen. Sie wandert durch das um sie herum gebaute Viereck und entfacht einen bunt klirrenden und zischenden Reigen aus Tönen, die sie den verschiedenen Gongs, Triangeln und Trommeln entlockt. Nach diesem Intro setzt auch die Bigband ein und unterstützt Mazur mit farbenreichem Spiel. Länger als 20 Minuten dauert die erste Komposition des fast zweieinhalb Stunden langen Abends. Wenn die Trompeten die Luft zerschneiden und die Rhythmusgruppe zu pulsieren beginnt, erinnert das Stück an Musik, wie sie Miles Davis in den 70er- und 80er-Jahren gespielt hat.

Mazurs Name ist mit dem des Star-Trompeters eng verknüpft, denn zwischen 1985 und 1989 war sie die Schlagzeugerin in Davis’ Band. „Sie spielt wie der Teufel“ lobte Miles die einzige Frau in seinem Ensemble. 1985 brachte er sie mit nach Hamburg zu seinem Konzert in der Staatsoper. Teuflisch sieht es nicht aus, was Mazur in der Fabrik zelebriert. Sie wirkt mehr wie ein Luftgeist, der mit Leichtigkeit die Schlegel über Felle und Becken fliegen lässt, dazu strahlt und lächelt sie die ganze Zeit.

Die Bigband darf nicht swingen

Selbst komplexe Rhythmen spielt sie unangestrengt; der Spaß, den sie beim Spielen hat, überträgt sich auf das aufmerksame Publikum in der mit etwa 900 Zuhörern sehr gut gefüllten Fabrik. Einfache Kost sind die Kompositionen dabei keinesfalls. Die Bigband darf nicht swingen, sondern muss pulsieren, wie das im Free Jazz und den moderne Strömungen üblich ist. Auch Soli gibt es an diesem Abend nur wenige von den Könnern des Großensembles.

Das Hauptaugenmerk liegt auf der ausgefuchsten Variabilität des Stargastes. Auch Jeff Ballard, der andere Gast des Abends, kann wenig solistische Akzente setzen, der Gesamtklang steht im Mittelpunkt. Die NDR Bigband kann sich glücklich schätzen, mit Geir Lysne einen erstklassigen Leiter gefunden zu haben. Er schafft es, Klangreichtum zu kreieren und aus seiner Formation viele Nuancen herauszuholen. Die NDR Bigband ist unter seiner Leitung zu einer internationalen Spitzenband gewachsen, der „Percussion!“-Abend beweist das wieder einmal eindrucksvoll.

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