Kritik

Elbphilharmonie: Vicky Leandros kommt auch gut ohne Theo aus

Vicky Leandros im Großen Saal der Elbphilharmonie

Vicky Leandros im Großen Saal der Elbphilharmonie

Foto: Michael Rauhe

Sängerin nimmt Publikum mit auf eine Zeitreise und sorgt für Divenmomente im Großen Saal. Auf ihren größten Hit verzichtet sie.

Hamburg.  So viel vorweg: Es geht auch ohne Theo. Sehr gut sogar. „Lieder aus dem Herzen“ wolle sie singen, sagt Vicky Leandros beim ersten ihrer zwei ausverkauften Konzerte am Sonnabend in der Elbphilharmonie. Auch sollen es einige Songs sein, an die sich die Sängerin bisher öffentlich noch nicht herangewagt hat. Und so erlebt das Publikum zweieinhalb abwechslungsreiche Stunden mit einem geschmackvoll zusammengestellten Programm.

Zum Auftakt präsentiert Vicky Leandros aber erst einmal eine ganz und gar bekannte Nummer. „Dein Koffer wartet schon im Flur/Du lässt mich allein“: Die ersten Zeilen ihres Hits „Ich liebe das Leben“ aus dem Jahr 1975 intoniert die 67-Jährige mitten im Rang. Zunächst ganz alleine. Ganz pur. Im Scheinwerferkegel. Das schwarze Kleid bodenlang. Das braune Haar voluminös gelockt. Singend läuft sie die Stufen hinab zur Bühne, während nach und nach ihre im Saal verteilte Band einsteigt.

Konzert von Vicky Leandros ist eine Zeitreise

Wer mehr als 50 Jahre im Showgeschäft ist, der weiß Effekte zu nutzen. Ein schöner Divenmoment. Ein Konzert von Vicky Leandros ist auch eine Zeitreise in die Musikgeschichte, in die Gepflogenheiten der Unterhaltungskultur. Kein hemdsärmeliges „Hallo Hamburg“ kommt der Sängerin über die Lippen. Stattdessen: „Guten Tag, meine Damen und Herren“. Und kurz wähnt man sich mit der gesamten Familie vor dem Röhrenfernseher. Drei TV-Programme, ein kollektiver Geschmack.

Zu Hamburg pflegt Leandros seit jeher ein besonderes Verhältnis, wie sie betont. Als Kind ist sie mit ihrer Familie aus Griechenland an die Elbe gezogen und begann als Teenager im Norden auch ihre Karriere. Ruhig lächelnd schaut sie bei ihrem Heimspiel in die Zuschauerreihen, bevor sie einen weiteren Hit anstimmt: „Ich bin“. Beeindruckend, wie gefühlvoll und wahrhaftig sie dieses Stück nach fast 50 Jahren vorträgt. Ihre Stimme ist in den Höhen rauchig und zart, in den Tiefen stark und strahlend. Beglückend ist bei diesem Auftritt zudem das elfköpfige Orchester inklusive Streichquartett an ihrer Seite.

La Leandros singt ihre Lieder in mehreren Sprachen

Unter der Leitung von Pianist und Arrangeur Michael Hagel erschaffen die Musikerinnen und Musiker einen fein abgestimmten Sound, der weit entfernt ist von Haudrauf-Schlagerglückseligkeit. In Hamburg zeigt La Leandros ihre gesamte Bandbreite – von Mitklatschmomenten bis zu tiefer Melancholie. Heutzutage bedeutet es bei Popstars ja schon einen markanten Imagewechsel, in der Gesangssprache vom Englischen ins Deutsche zu wechseln. Vicky Leandros hingegen hat ihre Lieder seit jeher zudem auf Griechisch, Französisch, Spanisch, Niederländisch und sogar Japanisch gesungen.

Dieses Konzept bescherte ihr nicht nur internationale Erfolge mit mehr als 55 Millionen verkauften Tonträgern, sondern macht sie zur popkulturellen Weltbürgerin im besten Sinne. Vicky Leandros singt drei Nummern, die sie 1975 mit Produzent Brad Shapiro (James Brown, Wilson Pickett) in Nashville aufgenommen hat. Vom US-amerikanischen Soul geht es dann weiter zum Chanson „Le Temps De Fleurs“. Mit einem übermütigen Hüpfer beendet sie dieses Lied. Wie sie ohnehin bestens aufgelegt ist. Scherzend fragt sie, warum sie denn nur Wasser und keinen Wein neben ihrem Mikro stehen habe.

Vicky Leandros macht, was sie will

An anderer Stelle erzählt sie, wie sich bei ihrem ersten Konzert in der Elbphilharmonie 2018 ein Gast lautstark „Weiße Rosen aus Athen“ gewünscht habe. Schade, falsche Künstlerin. Obwohl die Sängerin überhaupt keine Probleme damit hat, Stücke anderer zu interpretieren. Ein Höhepunkt ist ihre eingedeutschte Variante von Michel Legrands bossa-inspiriertem Meisterwerk „The Windmills Of Your Mind“. Artikulation, Timbre, Intensität – toll. Für ihren Hit „Blau wie das Meer“ holt sich Leandros mal schöne, mal schräge Karaoke-Hilfe aus dem Publikum.

Vor ihrer griechischen Heimat wiederum verneigt sie sich mit Liedern von Mikis Theodorakis. Und dass Leandros keine ist, die immer nur den bequemen Weg gegangen ist, zeigt sie mit „Valentin“: Den Song um weibliches Begehren und männliche Homosexualität singt sie mit ihrer Band am Flügel versammelt. Damals, Ende der 70er, habe ihr die Plattenfirma von diesem Stück abgeraten. Doch die Sängerin macht, was sie will. Auch in der Elbphilharmonie. Obwohl zur Zugabe einige „Theo, Theo“ fordern, spielt sie ihren größten Hit nicht. Statt „Theo, wir fahr'n nach Lodz“ gibt es Leonards Cohens „ Hallelujah“ mit dem Publikum als Chor. Ein würdiges Finale, gekrönt von Blumen, Standing Ovations und sehr viel Applaus.