Jazz

Elbphilharmonie: Wynton Marsalis spielt in eigener Liga

Der Trompeter Wynton Marsalis stammt aus einer Musiker-Familie in New Orleans.

Der Trompeter Wynton Marsalis stammt aus einer Musiker-Familie in New Orleans.

Foto: imago images / Ritzau Scanpix

Für sein Elbphilharmonie-Debüt kam Trompeter Wynton Marsalis mit dem Jazz at Lincoln Center Orchestra aus New York.

Hamburg. Nicht nur vor, auch im Konzertsaal hat das Äußere viel mit dem Bewusstsein zu tun. Bei klassischen Klassik-Musikern würde man in exaltierten Einzelfällen womöglich auf den gelernten Auftritts-Dresscode hinweisen, die meisten halten sich aber an die Kleidungskonventionen. Für Wynton Marsalis – Trompeter, Komponist, Leitstern, Kulturpolitik-Motor, Vorbild und Vordenker – ist die Kunstform Jazz im allgemeinen und das Bigband-Format im speziellen ein klassisches, geradezu heiliges Erbgut der afroamerikanischen Kultur, das man mit Stolz und Hingabe pflegen muss.

Diese Spielregeln einhalten und den gleichen Respekt zeigen und einfordern wie bei einer Aufführung von Zeitgenossen wie Strawinsky oder Bartók heißt für ihn also auch: schwarzer Anzug, weißes Hemd, schwarze Krawatte. Augenhöhe mit dem Opuszahlen-Club, mindestens. Und schon Duke Ellington wusste, warum er seine Ansammlung von Stars nicht einfach Band, sondern „Orchestra“ nannte. Also kommt das New Yorker Jazz at Lincoln Center Orchestra bei Marsalis’ Debüt in der Elbphilharmonie auch in dunklem Tuch auf die Bühne des Großen Saals. Man ist in diplomatischer Mission unterwegs.

Marsalis will dabei nicht der Chef-Unterhändler sein, sondern, ganz links im Satz sitzend, einer von allen; auch den Überflieger-Part des Stratosphären-Trompeters überlässt er entspannt einem Kollegen. Dass schon die ersten Töne in einem Stück aus Marsalis’ pulitzerpreisgeehrtem Oratorium „Blood on the Fields“ klar machen, wie sehr er in einer anderen Liga spielt – geschenkt, nicht zu ändern.

Trompeten ballern ihre Riffs in Elbphilharmonie

Das Programm wirkt wie eine Seminar-Leseliste für Jazz-Geschichtsstudenten. Nach dem Hinweis auf die große, ernsthafte Form bekommen einige Heroen und Vorbilder eine Würdigung: Ein Stück von Jelly Roll Morton, vom Bassisten aus Brooklyn mit Latin-Rhythmen verfeinert. Eine Nummer, die nach Gospel und Soul klingt. Ein Uptempo-Arrangement als Hommage an Dizzy Gillespie, natürlich mit vielen Scat-Einlagen und kollektiver Bebop-Akrobatik.

Der Pianist darf bei einer Bearbeitung des Bill-Evans-Klassikers „Very Early“ in balladig-nebligen Akkorden herumgrübeln. Und in den flotten Titeln ballern die Trompeten ihre Riffs mit einer Präzision in den Saal, dass man nur staunen kann. Thelonious Monks „Crepuscule with Nellie“ erhält die unverzichtbar verschroben dahinstolpernden Klavier-Phrasen, einige Bearbeitungen von Wayne-Shorter-Titeln wagen sich vage in Richtung Gegenwart vor.

Wynton Marsalis: Ihm gelingt alles

All das ist sehr honorig, technisch ungemein brillant und mühelos abgeliefert wird es sowieso. Routine und Können halten sich hier die Waage, spontan ins Risiko geht dieses Konzert in keinem einzigen Moment, in keinem einzigen Solo. Die Bandmitglieder sind genauso handverlesen wie alleskönnend. Und als ob die stilsichere Beherrschung des jeweiligen Instruments noch nicht genug wäre, ist so ziemlich jeder offenbar auch noch mindestens Arrangeur, wenn nicht gleich Komponist.

Marsalis ergänzt das durch Hinweise auf perfektes Tempogefühl, grandiose Gesangstalente oder absolutes Gehör. Es würde kaum auffallen, falls der eine oder andere aus dieser Band in seiner Freizeit auch noch übers Wasser wandeln könnte oder einen Harvard-Lehrstuhl für Kernphysik hätte.

Eine Band aus Musterschülern

Aber, und dieser Eindruck gibt sich erst im Laufe des Abends: Locker und lässig wirkt diese Lektion eher nicht. Zunächst wird vor allem doziert, der Spaß kommt erst später ins Spiel. Und gerade weil jeder einzelne um Marsalis herum so tadellos und straff glattgebügelt ist, wirken die meisten austauschbar. Eine Band aus Musterschülern, die viel Eindruck machen, aber wenig hinterlassen. Ganz ohne Reibung, ganz ohne einen Gedanken daran, einzigartig zu sein. Erlesene Berechenbarkeit.

Nach gut 90 Minuten ist eine entspanntere Betriebstemperatur erreicht, die Band ist angekommen, aufgetaut geradezu. Doch ach: Feierabend. Große Begeisterung im Saal. Als kleines PS spendiert Marsalis dann doch noch eine Zugabe in klassischer Quartett-Besetzung. So ganz kommt er offenbar nicht aus seiner Leader-Mentalität.

Aktuelle CD: Jazz at Lincoln Center Orchestra with Wynton Marsalis „The Music of Wayne Shorter“ (Blue Engine Records, ca. 15 Euro)