Elbphilharmonie

Prokofjews Violinkonzert mit phänomenaler Julia Fischer

Julia Fischer begeisterte in der Elbphilharmonie (Archivbild).

Julia Fischer begeisterte in der Elbphilharmonie (Archivbild).

Foto: Decca / © Felix Broede

Die Geigerin glänzte im Großen Saal der Elbphilharmonie. Auch das Orchestre National de France überzeugte. Zur Konzertkritik.

Hamburg.  Zart setzt die Violine in ein kaum zu hörendes Orchester am Anfang ihre klagende Melodie. Bläser stimmen vorsichtige Gegenmelodien an. Am Ende schwingt sich die Violine im Pianissimo in himmlisch-sphärische Höhen. Wie ein flatternder Vogel scheint der Klang, begleitet von einem Flötentriller, irgendwo im All zu verschwinden. Furore macht man mit Prokofjews 1. Violinkonzert in d-Moll nicht. Aber besser als Julia Fischer bei ihrem Elbphilharmonie-Gastspiel mit dem Orchestre National de France unter Emmanuel Krivine kann man das im Verlauf doch mit einigen virtuosen Passagen gespickte Konzert kaum spielen. Nur anders.

Sie ist erst 36, steht aber seit mehr als 20 Jahren auf den Podien der Welt, und sie hat noch mehr an Klasse gewonnen. Fischer spielte das Prokofjew-Konzert nicht nur mit technischer Souveränität, sondern mit Noblesse und Ausdruckstiefe: anmutige, intensive Pianissimi, rasende, gestochen scharfe Läufe, tänzelnd-pulsierender Swing. Rustikalem und Marschartigem wie im zweiten Satz gab sie Charme und einen Touch Groteske. Dabei blieb sie ganz locker, ließ aber nie den Ernst vermissen. Faszinierend, auch die halsbrecherische 24. Paganini-Caprice als Zugabe.

Elbphilharmonie: Dirigent riskierte gemäßigtes Tempo

Das Orchestre National de France punktete nicht nur bei Prokofjews Violinkonzert mit brillant intonierenden Bläsern, sondern auch beim Eröffnungsstück – Debussy „Prélude à l’après-midi d’un faune“. Die trockene Elbphilharmonie-Akustik verweigerte der so wichtigen Solo-Flöte bei diesem „Präludium zum Nachmittag eines Waldgottes“ zwar den Raumklang, ermöglichte aber ein wunderbar plastisches Hören der vielen verschachtelten Bläserlinien, des flirrenden Streicherteppichs und der geheimnisvoll glitzernden Harfen.

Dirigent Emmanuel Krivine riskierte ein erstaunlich gemäßigtes Tempo, zeitweise drohte das Stück zu zerbröseln, man suchte nach der großen Linie. Doch Versöhnung kam bei den warm, weich und balanciert an- und abschwellenden Orchester-Tutti.

Überzeugendes Orchester und eine phänomenale Julia Fischer

Nicht ganz so balanciert gelang im zweiten Teil Mussorgkis Klassiker „Bilder einer Ausstellung“. Das Orchestre National de France bewies wohl einmal mehr seine Klasse, besonders in der Bläser-Sektion. Von Emmanuel Krivine hätte man sich im ganzen doch mehr dynamische Feinheiten und Variabilität gewünscht. Etwa bei der Gestaltung des „Promenaden-Themas“, oder auch bei dem im Piano beginnenden, dann zum Forte aufblühenden und im Pianissimo endenden Stück „Bydlo“ (Der Orchsenkarren).

Da wurde viel Pulver verschossen, weil schon der Anfang kein wirkliches Piano war. Auch „Das große Tor von Kiew“ am Schluss wäre bei zwingenderem Spannungsaufbau wirkungsvoller gewesen. Musikalisch also ein durchwachsenes Konzert mit einem technisch überzeugenden Orchester und einer phänomenalen Julia Fischer.