Konzertkritik

Elbphilharmonie: Wenn dem Tenor die Herzen nur so zufliegen

Juan Diego Florez mit Kindern des peruanischen Symphonieorchesters während eines Autritts in Lima.

Juan Diego Florez mit Kindern des peruanischen Symphonieorchesters während eines Autritts in Lima.

Foto: picture alliance / dpa

Juan Diego Flórez kombinierte an seinem 47. Geburtstag Verdi mit Operette und französischem Repertoire – Fans schwenkten Landesfahne.

Hamburg.  Ein weltberühmter Tenor mit lateinamerikanischen Lebenslauf-Anteilen auf der Bühne, ein Programm, das mit Verdi-Arien beginnt und mit einem schmissig geschmetterten „Granada“ noch nicht vorbei ist. Dazu Handküsschen, Blumenwerfen, Schäkern, die volle Packung. Man könnte fast glauben, dass der Ex-Tenorissimo Plácido Domingo nach seinem Auftritt im November flott einen zweiten Elbphilharmonie-Termin nachgelegt hätte. Aber am Montag war es der um einige Jahrzehnte jüngere Peruaner Juan Diego Flórez, dem die Publikumsherzen im Großen Saal in großen Mengen zuflogen.

Auch Flórez hat einen (weniger grundsätzlicheren) Stimmfach-Schubladenwechsel als der Spät-Bariton Domingo hinter sich, hat sich als Ex-Tenore di grazia von den Belcanto-Rossinis und den Donizettis verabschiedet. Nun sind die anders fordernden Verdi-Tenöre dran. Der geschmeidig leichtgängigen, nobel geführten Stimme hört man diese Prägung an, der Reifeprozess ins Heldenhaftere läuft noch. Doch was in fein handverlesenen Arien, beginnend mit etwas Duca aus „Rigoletto“, danach „Attila“, „I Lombardi“ und „La Traviata“, an dramatischer Schwere und gehärteter Prägnanz fehlte, machte Flórez’ Freude am tollen Spitzen-Ton und effektsicherer Dynamik wieder wett.

Flórez hat aus Standpunkt-Mahleurs anderer Sänger gelernt

Aus den Standpunkt-Malheurs anderer Sänger-Stars hatte Flórez für seinen Auftritt gelernt; er hatte eine klangstrategisch kluge, mittige, erhöhte Position neben den Holzbläsern eingenommen. Der in diesem Raum so gefürchtete Kaufmann-Effekt blieb also aus, und das sogar, obwohl die elbphilharmonische Vokalpirouette – langsames Drehen und alle Richtungen beschallen – fehlte. Dass früher bis mittlerer Verdi längst nicht so massig orchestriert ist wie Mahlers „Lied von der Erde“ und dass die Symphoniker Hamburg die Herausforderungen des Saals kennen, trug zum Gelingen bei. Dirigent Michael Balke hielt den Ball flach, in den tenorfreien Ouvertüren und Intermezzi allerdings hätte es schon mehr Eigeninitiative sein dürfen.

Wissenswertes zur Elbphilharmonie:

  • Die Elbphilharmonie ist ein Konzerthaus, das als neues Wahrzeichen von Hamburg gilt
  • Sie wurde im Januar 2017 offiziell eröffnet
  • Das 110 Meter hohe Gebäude liegt in der HafenCity in Hamburg und soll mit seiner Form an Wellen, Segel und Eisberge erinnern
  • Wo heute die Elbphilharmonie steht, befand sich früher der Kaiserspeicher A
  • Das Konzept der Elbphilharmonie stammt von Projektentwickler Alexander Gérard und wurde bereits 2001 vorgestellt. Der Bau dauerte von 2007 bis Ende 2016
  • Die Baukosten betrugen 866 Millionen Euro

Nach der Pause hatte es ein Ende mit Verdi, die Wunschkonzert-Abteilung wurde eröffnet, nichts als gefühlte Zugaben, eine herziger als die andere: Operettiges von Léhar, eine Portion Massenet aus dem „Werther“, die Blumenarie aus „Carmen“ und, lieblich mit klitzekleinen Schluchzern garniert, Rodolfos Klagegesang über das eiskalte Händchen aus der „Bohème“. Hach. Aber selbst das war noch nicht alles: Der peruanische Fanblock im Parkett schwenkte die Landesfahne, das Publikum sang „Happy Birthday“ für Flórez zum 47. Und als der die Gitarre für Klassiker wie „Cucurrucucu paloma“ herausholte, fehlte nur noch die Lokalrunde Pisco Sour zum Glück.