Thalia Theater

"Vögel": Eine Tragödie wie eine Vorabendserie

Starke Spieler vor  atmosphärischen  Projektionen: „Vögel“  von Wajdi Mouawad  am Thalia in  der Gaußstraße.

Starke Spieler vor atmosphärischen Projektionen: „Vögel“ von Wajdi Mouawad am Thalia in der Gaußstraße.

Foto: Krafft Angerer

Die Premiere „Vögel“ am Thalia überzeugt vor allem schauspielerisch, leidet aber unter Bedeutungsschwere und Überlänge.

Hamburg.  Ziemlich am Ende erklingt die Geschichte von einem Vogel, der sehnsuchtsvoll das Meer anschaut und dessen Wunsch zu schwimmen so stark wird, dass er für einen Moment zum Amphibienvogel wird. „Ich bin einer von euch!“, sagt er.

Der Moment verdeutlicht allerdings ein altes Problem. Man kann nicht in jedem Fall das eine und auch das andere sein. Manche Kategorien schließen einander aus, können aber den Anlass liefern für Leid und Krieg. „Vögel“ des libanesisch-frankokanadischen Autors und Theatermachers Wajdi Mouawad erzählt von der Schwierigkeit, zugleich Jude und Araber zu sein. Einen tief sitzenden Weltkonflikt im Innern auszutragen. Mit der Inszenierung debütiert der häufig am Berliner Maxim Gorki Theater arbeitende Regisseur Hakan Savas Mican im Thalia in der Gaußstraße.

Der Text ist nicht der stärkste von Mouawad, der für packende Nahost-Thriller wie „Verbrennungen“ und „Die Frau, die singt“ steht. „Vögel“ aber ist eine saftige, später eher zähflüssige Nahost-Seifenoper. Ächzend unter viel deklamiertem Pathos, aufs Einfachste heruntergebrochener Zeitgeschichte und einer erdrückenden Familienkonstruktion aus Wahrheiten und Lebenslügen, Identitätsfragen und Liebe, Feindschaft, Schuld und Religion.

Darsteller behaupten Figuren sehr überzeugend

Hakan Savas Mican hat sich zusammen mit Sylvia Rieger für eine weitgehend leere Bühne entschieden. Das ist, wenn überhaupt, auch schon die einzige Idee zu einer grundsoliden, aber formal eher überraschungsarmen Inszenierung, die mit recht schwungvollem Spiel beginnt. Der in Berlin lebende jüdische US-Musiker Daniel Kahn moderiert einen humorigen Einstieg und steuert gemeinsam mit Rasha Nahas sanfte Jazz- und Folk-Songs an Piano, Akkordeon, Trommel und Gitarre vom Bühnenrand bei.

In einer New Yorker Bibliothek begegnen sich der jüdische Biogenetik-Nerd Eitan (Pascal Houdus) und die arabische Doktorandin Wahida (Rosa Thormeyer) und verlieben sich ineinander. Beim Pessach-Fest zwei Jahre später ist es mit dem Idyll vorbei. Eitans Mutter Norah (Oda Thormeyer) und Vater David (Tilo Werner) reisen samt Großvater Etgar (Stephan Bissmeier) aus dem fernen Berlin an. Doch die Offenbarung der Liebesbeziehung führt zum Zerwürfnis.

In ihren monochrom gehaltenen Kostümen (Sylvia Rieger) behaupten die Darsteller ihre Figuren beachtlich und sehr überzeugend. Es gebe ein Gesetz der Vorväter, in deren Schuld sie stehen, poltert David und meint damit die Schuld der Überlebenden. Wo er dem Paar mit bitterem Zorn begegnet, wählt seine Frau, die Psychologin Norah, blanken Zynismus. Der liebende Eitan aber hat keine Lust, sich schuldig zu fühlen. Einzig der Großvater zeigt Verständnis für ihn. Warum, das wird sich erst am Ende des dreistündigen Abends erhellen, auch wenn man es schon lange vorher ahnt, weshalb es auch an dieser Stelle nicht wirklich ein Spoiler ist.

Vater David nämlich ist selbst ein palästinensisches Findelkind, aufgewachsen bei jüdischen Zieheltern in Israel und als Teenager mit seinem Ziehvater von der Mutter nach Berlin entsandt. In ihm tobt ein Kampf gegen den „Feind im Innern“. Doch das gilt es in einer Reise in die Vergangenheit zu entschlüsseln.

Eine Art Roadmovie

Nach dem kraftvollen Einstieg verwandelt sich „Vögel“ zunächst in eine Art Roadmovie, noch immer getragen von keiner wirklichen Inszenierungsidee, aber sehr stark aufspielenden Darstellern – allen voran von einer eindringlichen Rosa Thormeyer.

Auf atmosphärischen Filmprojektionen (Benjamin Krieg) werden lange Wüstenstraßen sichtbar. Eitan und Wahida begeben sich in das Land der Vorfahren. Eitan hat sich heimlich ein biogenetisches Experiment mit der Familie erlaubt – und dabei festgestellt, dass sein Vater und sein Großvater keine Verwandtschaft teilen. Die Großmutter soll es nun aufklären. Doch die verbittert verhärtete Leah (Christiane von Poelnitz) schweigt – zunächst. Und Wahida muss sich bei der Einreise demütigende Fragen gefallen lassen.

Mit dem Autor spult nun der Regisseur eine Tragödie nach schönster Vorabendserien-Dramaturgie ab. Die Eckpfeiler: Eitan liegt nach einem Terror­anschlag im Koma. Wahida besucht die Großmutter. Es gibt neue Beschimpfungen, Verdrängungen, Verletzungen, Liebesschwüre. Geheimnisse kommen ans Licht, führen zu scheußlichen Überreaktionen, Schlaganfall, am Ende Tod.

Die Geschichte führt leider immer weiter weg von Eitan und Wahida. Pascal Houdus ist fast eine Stunde lang auf sein Koma reduziert. Später wird sich Rosa Thormeyers Wahida selbstbewusst, aber auch furchtbar klischeehaft, von ihm trennen, nachdem sie ihr Arabertum für sich entdeckt hat. Die Historie walzt vorgestrig über die Liebe hinweg. Der israelisch-arabische Konflikt wird auf seine einfachen Seiten heruntergebrochen. Und so wird der Abend zunehmend von Unentrinnbarkeit, Tragik und Bedeutungsschwere erdrückt. Auch von seiner Überlänge und allzu vielen Leerstellen.

Die Intention des Autors Mouawad mag der Versuch einer Versöhnungsutopie sein, die derzeit so unerreichbar fern scheint wie eine Zweistaatenlösung. Und so wird auch Eitan als Erbe zweier sich erbittert bekämpfender Völker keinen Frieden finden. „Aber es kann nicht alles gelingen“, versucht die Musikerin Rasha Nahas mit den Worten eines Historikers am Ende Darstellern und Zuschauern brüchig Trost zu spenden. Wie wahr.

„Vögel“ weitere Vorstellungen 9.12., 12.12., 18.12., jew. 20.00, 26.1.2020, 19.00, Thalia in der Gaußstraße, Gaußstraße 190, Karten unter T. 32 81 44 44; www.thalia-theater.de