Kritik

"Willkommen bei den Hartmanns": Viel Spaß und Berührendes

Familie Hartmann (Michael Roll,Jonathan Beck, Henrike Fehrs und Meike Harten, v.l.) heißt Diallo (Quatis Tarkington) willkommen.

Familie Hartmann (Michael Roll,Jonathan Beck, Henrike Fehrs und Meike Harten, v.l.) heißt Diallo (Quatis Tarkington) willkommen.

Foto: Oliver Fantitsch

Die Bühnenfassung von „Willkommen bei den Hartmanns“ vereint in der Komödie Winterhude Komik mit Nachdenklichkeit.

Hamburg. Schon vor sechs Jahren brachte Martin Woelffer, Direktor der Komödie am Kurfürstendamm und am Winterhuder Fährhaus, das Stück „Achtung Deutsch“ heraus. Darin bewahrt ein perfekt Deutsch sprechender Syrer eine Multikulti-Studenten-WG vor der Kündigung. Die Komödie kam als „Allens ­Düütsch – oder wat?“ später auch auf Plattdeutsch im Ohnsorg heraus; das niederdeutsche Theater setzte mit der gelungenen Uraufführung der Komödie „Plattdüütsch för Anfängers“ selbst eigene Akzente beim Thema Integration von Ausländern und beim Umgang mit Geflüchteten.

Warum soll das Boulevardtheater, oft kritisiert, öfter aber noch vom Publikum goutiert, sich aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen verschließen? Und solche Themen nicht in Stücke kleiden?

Statt in München oder Berlin spielt das Stück in Blankenese

2016 schaffte das Simon Verhoeven mit „Willkommen bei den Hartmanns“ auch im Kino. Sein Film war mit mehr als vier Millionen Besuchern der erfolgreichste deutsche des Jahres. Fast schon folgerichtig, dass die Komödie ihren Weg auf die Bühne fand. Nach der Premiere vor zwei Jahren in Wien und jener im Vorjahr in Woelffers Berliner Ausweichspielstätte, dem Schiller Theater, am Wochenende auch in die Komödie Winterhuder Fährhaus.

Statt in München (wie im Film) oder in Berlin (wie in seiner Heimatstadt) lässt Regisseur Woelffer die Geschichte einer gut situierten Familie, die einen Geflüchteten aufnimmt, nun in Hamburg-Blankenese spielen. So viel Klischee muss sein. Es ist nur eine von zahlreichen Pointen des vom langjährigen Thalia-Dramaturgen John von Düffel bearbeiten Filmstoffes.

Und so nehmen die beiden Theatermacher das Publikum mit in die Villa, besser gesagt auf das Grundstück mitsamt Vorgarten der Familie Hartmann. Eigentlich sind die Eltern Angelika (Meike Harten) und Richard (Michael Roll) ihre erwachsenen Kinder schon los. Tochter Sophie (Heinrike Fehrs) macht dem Vater, Chirurg und Chefarzt, jedoch Probleme, weil es ihr partout nicht gelingen will, ihr Psychologiestudium zu beenden. Und Sohn Philip (Jonathan Beck), ehrgeiziger Jung-Anwalt, ist wieder öfter im Haus, seitdem ihm die Frau weggelaufen ist und er sich auch noch um seinen 13-jährigen Sohn „Basti“ kümmern muss. Alles andere als eine „heile Familie“ also.

Als Mutter gibt Meike Harten eine äußerst fein gezeichnete Figur ab

Als Angelika, Deutsch-Lehrerin im Sabbatical, ihren Lieben auch noch offenbart, dass sie einen Geflüchteten aufnehmen will, hängt der Haussegen endgültig schief. Doch Angelika setzt sich durch, ihr Leben soll wieder einen Sinn bekommen.

Als Mutter dieser bürgerlichen Kompanie gibt Meike Harten eine äußerst fein gezeichnete und gespielte Figur ab. Eine Glanzleistung. Sie steht als einsame unterforderte Frau im Zentrum des dialogstarken Geschehens, hängt oft am Weinglas, kontert Einwürfe und Unverständnis ihres Ehemanns indes derart trocken, dass es reichlich Lacher und Szenenbeifall gibt.

Der Nigerianer erzählt seine dramatische Fluchtgeschichte

Aber auch Michael Roll gewinnt in seiner Rolle als ruppiger Richard bei seinem Winterhuder Debüt mehr und mehr an Kontur. Und das liegt weniger am Botox, das sich der alternde Arzt spitzen lassen will, ebenso wenig an jugendlichen Klamotten und seinen rot-weißen Tennisschuhen. Richards geliebte Lederjacke aus jungen Jahren hat Angelika da längst als Kleiderspende zur Flüchtlingshilfe gebracht. „Meine Lederjacke!“, staunt Diallo später, als ihm Angelika alte Fotos von Richard und ihrer Familie zeigt. Die Hartmanns nehmen den aus Nigeria Geflüchteten jedenfalls bei sich auf. Der US-Amerikaner Quatis Tarkington gibt ihn als wissbegierigen Vorzeige-Flüchtling und Deutschen-Freund („Ich liebe Manuel Neuer“), der sich als Handwerker im und am Haus nützlich macht.

Zum Glück bleibt es nicht bei dieser klischeehaften Weichzeichnung. Zwar hätte Woelffer vor der Pause das Regie-Tempo etwas anziehen können, stattdessen gewährt er Tarkington als Diallo danach umso mehr Raum für einen berührenden Monolog: Zum Publikum gewandt, erzählt er seine Fluchtgeschichte, vom Terror der islamistischen Miliz Boko Haram, die große Teile seiner Familie ermordet hat. Da ist es mucksmäuschenstill im Saal, auch das gehört zu diesem zeitgemäßen Stück Boulevardtheater.

Doch hält Diallo den Deutschen den Spiegel vor

Ebenso der Rassismus mancher Nachbarn, der sich zeigt, als Angelikas exaltierte Ex-Kollegin Heike (Ute Willing) kurzerhand für Diallo ein Willkommensfest organisiert. Dem gebürtigen Nigerianer droht die Abschiebung. Und doch hält er uns Deutschen satirisch überspitzt den Spiegel vor.

Woelffer, der einige Szenen zur Auflockerung auch in den Saal verlagert, und Dramaturg von Düffel verstehen es in ihrer Bühnenversion zum Ende hin, Nachdenklichkeit und Komik in Einklang zu bringen. Genau das, was für modernes Großstadttheater, auch auf dem Boulevard, anno 2019 der Anspruch sein sollte. Die Geflüchteten bleiben ja nicht nur auf der Bühne ein Thema.

„Willkommen bei den Hartmanns“ wieder Di 5.11., 19.30, bis 15.12. und vom 26.12.–5.1.2020, Komödie Winterhuder Fährhaus, Hudtwalckerstr. 13, Karten zu 27,64 bis 43,74 in der Abendblatt-Geschäftsstelle, Großer Burstah 18–32, Ticket-Hotline T. 30 30 98 98; www.komoedie-hamburg.de