Premierenkritik

Nibelungen wagnerfrei: Radio Walhalla und Gemetzel bei Etzel

Yorck Dippe (v.l.), Friedrich Paravicini und Clemens Sienknecht in „Die Nibelungen – allerdings mit anderem Text und auch anderer Melodie“ am Schauspielhaus.

Yorck Dippe (v.l.), Friedrich Paravicini und Clemens Sienknecht in „Die Nibelungen – allerdings mit anderem Text und auch anderer Melodie“ am Schauspielhaus.

Foto: Matthias Horn

Niedlich skurril und ein großer Spaß: „Die Nibelungen – allerdings mit anderem Text und auch anderer Melodie" im Schauspielhaus.

Hamburg. Wagnerianer, die in diesen Tagen mangels passender Staatsopern-Angebote ihre Ersatzdroge im Schauspielhaus-Sortiment zu finden hofften, müssen jetzt ganz tapfer sein: „Die Nibelungen – allerdings mit anderem Text und auch anderer Melodie“ ist, zumindest musikalisch, so gut wie wagnerfrei. Dass es, nachdem Siegfried Hagens tödlichen Speer tief in seine einzige Schwachstelle am Rücken gerammt bekommt, nicht den ordentlichen, den einzig wahren Trauermarsch zu hören gibt, den aus der „Götterdämmerung“, sondern den zweiten Satz aus Beethovens 7., ist da auch keine große Hilfe.

Doch auch ohne das echte gute Zeug vom Meister aus Bayreuth kann man in der neuen Runde der Liederabend-mit-Höchstkulturanspruch-Klamaukisierung viel Spaß haben und sich bestens unterhalb dieses Niveaus amüsieren. Schon, weil vieles wieder so niedlich skurril ist wie bei den beiden Vorgänger-Vertonungen, jenen von „Effi Briest“ und „Anna Karenina“: wieder nur schlimme Vokuhila-Föhnwellen-Katastrophen und farbenfroh verunstaltete Kostüme, für die sehr viele unschuldige Polyester ihr Leben lassen mussten.

Wie "Game of Thrones" – nur ohne Drachen

Und wieder geht ein Studio voller Irrer mit einem Sack gut abgehangener, schön windschief arrangierter Formatradio-Pop-Klassiker auf Sendung, in ihrem liebevoll verlebten Studio. Kalauert sich konsequent von Pointe zu Pointe durch das Germanisten-Heiligtum. Nun aber, um diese blut- und eifersuchtsgetränkte urdeutsche Geschichte der Nibelungen bis zum finalen Rache-Gemetzel bei Etzel durch den Spätburgunder zu ziehen. „Game of Thrones“, quasi, nur ohne mehrere Drachen und mit noch lustigeren Nebenrollen-Namen, Wahnfried der Warme zum Beispiel.

Der Mythos-Pop-Mashup, gewürzt mit Blockflöten-Gewimmer und stoisch abgearbeiteten Ausdruckstanz-Gesten, war diesmal besonders wild schillernd. Denn neben den Original-Zutaten, vor allem dem Zickenkrieg zwischen Brunhild (Lina Beckmann) und Kriemhild (Ute Hannig) um die Macht am Rhein und den dazu passenden Kerl, hatten Barbara Bürk und Clemens Sienknecht auch etliche Anspielungen auf Science-Fiction-Epen und insbesondere auf das „Star Wars“-Heldenuniversum dazugerührt.

Michael Wittenborn, meistens als DJ Wotan für die Anmoderationen der jeweils nächsten Beziehungskatastrophe zuständig, robbt auf Yoda-Augenhöhe als Zwerg-Alberich-Parodie auf Knien und mit Rheingold in eine Szene hinein und wieder hinaus. Markus John trägt als Hagen von Tronje nicht nur einen klassischen Flügelhelm, sondern auch die Hochfrisur von Liam Neeson als Yedi-Lehrmeister auf.

Üble Hits der 80er und 90er und ein epischer Showdown

Wer partout beim Sitznachbar mit „Nibelungen“-Vorwissen angeben möchte, kann Bühnenbild- und Kostüm-Anspielungen auf Fritz Langs gleichnamigen Stummfilm-Klassiker suchen und finden. Das wäre dann die nächste Meta-Ebene, neben den „Erkennen Sie die Melodie?“-Rückgriffen auf die größten und übelsten Hits der 80er und 90er und die Reste von heute. Stellenweise wird aber auch leicht gemarthalert, dann haben die Ensemble-Nummern so penetrant Schluckauf, bis wohl auch der letzte den Witz kapiert hat.

Der Preis für die schönsten Solo-Einlagen? Der geht in dieser Runde eindeutig an Lina Beckmann. Weil sie es als Brunhild schafft, in Sekundenbruchteilen von komplett stoffelig auf ernsthaft furchterregend um- und wieder zurückzuschalten und dabei die archaische, finstere Wucht der echten Nibelungen durchschimmern lässt. Und weil sie sich fast unfallfrei durch Sades „Why Can’t We Live Together“ haucht und so putzig durch Brenda Lees „Sweet Nothings“ groovt, als hätte sie eine Überdosis Sixties-Pop in der Blutbahn. Dafür gewinnt Yorck Dippe die Auszeichnung als bestes Wolle-Petry-Matten-Double, und Clemens Sienknecht trägt und erträgt als Siegfried seinen gehäkelten Tarnhelm mit heroischer Würde.

Das blutige Finale können allerdings auch die sonnigsten Hits nicht verharmlosen, es wird episch im Showdown, die Späßchenschleuder kommt auf den letzten Metern nicht gegen das Hauen und Stechen des Staffelfinales an. Es endet übel, ganz übel, „Game of Thrones“-übel geradezu. Schalten Sie also in der schon jetzt angekündigten Fortsetzung wieder ein, wenn es, Hallelujah!, heißt: „Die Bibel – allerdings mit anderem Text und auch anderer Melodie“.

Nächste Termine: 5. / 12. / 24.10., 4. / 6. / 15. / 24.11. Karten (11–53 Euro) unter T. 248713