Konzertkritik

Pogorelich in der Elbphilharmonie: von lieblos bis anrührend

Ivo Pogorelich spielte in der Elbphilharmonie ein denkwürdiges Konzert.

Ivo Pogorelich spielte in der Elbphilharmonie ein denkwürdiges Konzert.

Foto: Bernard Martinez

Im Großen Saal gab der kroatische Piano-Sonderling ein eigenwilliges Konzert. Zunächst wirkte er desinteressiert, dann zauberte er.

Hamburg.  Im Programmheft waren zwar Komponistennamen vermerkt, Größen wie Bach, Beethoven, Chopin, Ravel. Doch im Mittelpunkt des Klavierabends, der sich am Dienstag in der Elbphilharmonie stellenweise so rätselhaft abspielte, als hätte Michael Haneke das Drehbuch geschrieben, stand vor allem: Ivo Pogorelich. Nach längerer Abwesenheit war er wieder zu Gast beim Schleswig-Holstein Musik Festival. 60 inzwischen, kantiger Schädel statt Mähne, ein zum Sonderling gereiftes Pianisten-Phänomen, an dessen Fähigkeiten sich Meinungen scheiden.

Er ist seit Jahren, je nach ästhetischer Toleranz, dafür bekannt oder berüchtigt, alle Stücke, die er unter die Finger bekommt, nach Belieben auf links zu drehen. Sie zu hinterfragen, zu zerbröseln, andere Schwerpunkte, Linien, Tempi und Gewichtungen hineinzugeben. Nichts ist davor sicher. Das verwirrt, mitunter fasziniert es, stellenweise kann es – auch bei diesem sehr eigenwilligen Recital – begeistern, weil dann urplötzlich eine erschütternd verletzliche Klangfarbenerhabenheit und Schönheitssehnsucht durchblitzt.

Passagen lieblos heruntergerumpelt

Es verstört aber auch auf jeden Fall ungemein, wenn manche Passagen so lieblos heruntergerumpelt werden, wie es zu Beginn in Bachs 3. Englischer Suite geschah. In den Noten, aus denen Pogorelich spielte, dürften regelmäßig Taktstriche als ordnende Leitplanken gestanden haben, doch Pogorelich zerdehnte den musikalischen Fluss in der Sarabande so vehement, als hätte sich ein besonders depressives Chopin-Prélude bei der Suche nach einem lohnend tiefen Abgrund ins Barock verirrt.

Auch mit kontrapunktischer Klarheit und Balance der Stimmen, bei Bach nicht ganz unwichtig, hielt Pogorelich sich nicht auf. Vieles war arg unelegant und wirkte desinteressiert, in der Gavotte tupfte Pogorelich aber wieder - um das Anzweifeln von Gewohnheiten und Gelerntem anzuheizen - die Noten so watteweich in die Luft, als würde er den Farbnebel eines Monet-Gemäldes nachskizzieren.

Anrührender Adagio-Satz

Dass die B-Dur-Sonate op. 22 nicht zu Beethovens beliebtesten und forderndsten gehört, ließ Pogorelich sie zunächst spüren. Den Kopfsatz gestaltete er geradezu nachlässig unwirsch, als könnte er das, was hier an musikalischer Entwicklung ausgebreitet wird, noch nicht ernst nehmen; als wäre die klar aufgebaute Schlichtheit im Grunde weniger als das: nur einfach, nicht seiner genaueren Anteilnahme wert. Doch dann zauberte er den Adagio-Satz mit anrührendem Ernst ins Halbdunkel, und man konnte nur staunen.

Danach brachte Pogorelich noch, mit sehr freier Rubato-Portionierung, Chopins Fis-Dur-Barcarolle hinter sich, um sich umso hingebungsvoller dem cis-Moll-Prélude zu widmen. Auch das war nur eine Aufwärm-Aufgabe für den abschließenden Höhepunkt des Programms, Ravels Gedichtvertonungs-Dreierpack „Gaspard de la Nuit“. Hier musste und wollte Pogorelich den Boden der Tatsachen verlassen; diese Musik kann man nur bewältigen, wenn man sie von Anfang an schweben lässt und sich dem Rausch hingibt, den Ravel in Notenmassen eingefangen hat.

Die Notenumblätterin war am Ende sichtlich erleichtert

Das verführerische Flirren zu Beginn von „Ondine“ war ein Vorbote der Intensität, mit der Pogorelich im nachtfinsteren „Le Gibet“-Mittelsatz seine einsame Klasse bewies. Im „Scarbo“-Satz gab es kein Halten mehr, dort war Pogorelich ganz Virtuose, dort konnte er exzessiv ausholen und sich selbst vergessen, weil es um mehr ging als um sein Ego. Und dann war alles vorbei (auch die Notenumblätterin war sichtlich erleichtert), und Pogorelich ging, schweren Schrittes, langsam und mit zerknautschtem Gesicht von der Bühne. Aber - wer weiß das schon - womöglich zufrieden oder sogar glücklich.