Konzertkritik

Jarousskys spartanischer Auftritt in der Elbphilharmonie

Philippe Jaroussk gründete 2002 das „Ensemble Artaserse“, um in der Auswahl seines Repertoires unabhängiger zu sein.

Philippe Jaroussk gründete 2002 das „Ensemble Artaserse“, um in der Auswahl seines Repertoires unabhängiger zu sein.

Foto: Warner Classics/Marc Ribes

Der französische Opernsänger überzeugte das Publikum mit ausdrucksstark gesungener melodischer Schlichtheit.

Hamburg. Gerade mal elf Stühle für das Ensemble Artaserse verloren sich auf der Bühne im Großen Saal; wenn Philippe Jaroussky in die Elbphilharmonie kommt, wirkt alles immer sehr klein, fast spartanisch. Doch bei dem Repertoire, dem sich der Countertenor widmet, spielen sich die riesigen Gefühle, von denen berichtet wird, nun mal im überschaubareren Maßstab ab.

Frühbarocke Opernarien von Francesco Cavalli sollten es diesmal sein, einem Monteverdi-Schüler aus Venedig, zu Lebzeiten enorm erfolgreich, inzwischen – unverdient - eher Liebhaber-Sortiment. Noch ist diese in der Renaissance wurzelnden Musik längst nicht so exaltiert und hochtoupiert wie bei den späteren Barock-Diven, doch gerade aus dieser vermeintlichen Schwäche im Show-Bereich machte Jaroussky eine aparte Leistung.

Melodische Schlichtheit hat, derart ausdrucksstark gesungen, so gar nichts Einfaches. Und wer wusste bis zu Jaroussksys ersten Tönen schon, dass es Cavalli war, der rund 80 Jahre vor dem Händel-Hit „Ombra mai fu“ eine „Xerxes“-Oper zu eben diesem Text schrieb und darin auch eine Version dieser Arie, die ganz anders ist und doch bekannt wirkt.

Jaroussky weiß, was das Publikum will

Bei seinem Sinfonie-und-Arien-Buffet aus mehreren der rund 30 Cavalli-Opern spürte Jaroussky genau, wo die Stilgrenzen auftauchen, die einzuhalten sind. Also: kaum vokale Girlanden, so weit war man damals noch nicht, dafür ein kammermusikalisches Beachten der Instrumentalstimmen.

Die beiden Zinken spielten virtous ihre Trompetchen-Partien, die Schlagzeugerin zauberte mit einigen wenigen Trommelwirbeln das Bild eines Schlachtengemäldes vors innere Auge. Als in einer Lamento-Arie die Begleitung auf Harfe und Theorbe heruntergedimmt wurde, wurde die abgrundtiefe Traurigkeit noch offenkundiger.

Als ein Vogelzwitschern als naturalistischer Effekt auftaucht, war selbst das in seiner Aufrichtigkeit enorm eindrucksvoll. Und natürlich wusste der Publikums-Liebling Jaroussky genau, wie er Glanzlichter setzen kann: hier ein samtig ersterbendes Pianissimo auf dem Wort „morir“, dort ein angedeutetes Rasen, weil gerade jemand nur mit seiner Stimme gegen die Mächte des Schicksals aufbegehrt.

Jaroussky fasst Werke mit Samthandschuhen an

Jaroussky erwies sich auch an diesem Abend als kluger, einfühlsamer Anwalt verschütteter Meisterwerke, die man mit Samthandschuhen anfassen muss, weil sie trotz ihrer Stärke so zerbrechlich sind wie Murano-Gläser beim Jonglieren. Und mit Monteverdis herzzerreißendem „Si dolce è’l tormento“, der ersten seiner Zugaben, stellte Jaroussky ganz nebenbei auch noch klar, wer damals in Venedig der Muster-Schüler war. Und wer der Meister.

Aktuelle CD: Philippe Jaroussky „Ombra mai fu“ (Erato, ca. 17 Euro)