Berlin. Wie eine Fabel mutet diese Verfilmung einer wahren Geschichte zuweilen an: Als gestresstes Ehepaar mit Kindern gelingt es Karoline Herfurth und Tom Schilling, dem Alltags-Wahnsinn Adieu zu sagen.

Manch gestresster Mutter dürfte die Frage bekannt vorkommen: „Mama, wo ist Papa schon wieder?“. Der in „Eine Million Minuten“ von Tom Schilling verkörperte Vater weilt in New York, als Biodiversitätsexperte möchte er die Welt retten. Oder vielleicht auch nur seine Karriere. Die von Karoline Herfurth gespielte Partnerin hütet derweil daheim in Berlin die Kinder - und arbeitet auch noch als Bauingenieurin: Ein Film über den Alltagsirrsinn junger erfolgreicher Paare, die irgendwann einfach nicht mehr können. „Eine Million Minuten“ ist das Regie-Debüt von Christopher Doll. Der Film geht zurück auf die wahren Erlebnisse der Familie Küper, geschildert in dem Buch „Eine Million Minuten: Wie ich meiner Tochter einen Wunsch erfüllte und wir das Glück fanden“.

Besagte Tochter trägt den Namen Nina (im Film wunderbar gespielt von Pola Friedrichs). Nina geht in die Kita und hängt entwicklungstechnisch ein wenig hinterher, was ihre Eltern sehr besorgt. Dabei bezaubert sie zugleich mit einem eigenen Blick auf die Welt: Auf die Frage eines Arztes, was nass sei und vom Himmel falle, antwortet Nina: „Ein wuscheliger Hund!“. Auch Ninas Wünsche sind speziell: Eines Abends beim Vorlesen sagt sie auf einmal: „Ach, Papa, ich wünschte, wir hätten eine Million Minuten. Nur für die ganz, ganz schönen Sachen!“

Dieser Wunsch setzt eine ganze Reihe an Ereignissen in Gang: So entscheidet sich die Familie noch einigem Hin und Her tatsächlich, eine zweijährige Weltreise anzutreten (eine Million Minuten sind ungefähr zwei Jahre). Kaum eine halbe Filmstunde ist vergangen, da sehen wir die eben noch arg zerbeutelten Berliner gelassen über thailändische Märkte schlendern, sich lachend über asiatische Köstlichkeiten beugen, mit Bier in der Hand von der Arbeit im „Beach-Office“ schwärmen.

Auszeit am anderen Ende der Welt

Schnell hat sich unsere Familie an Thailand gewöhnt. Schnell wird aber auch klar, dass sich der Traum von der entspannten Familienauszeit in der Ferne nicht so einfach realisieren lässt. Zwar sind die Vier (Nina hat einen kleinen Bruder) nun in einer anderen Welt. Die alte haben sie aber blöderweise mitgenommen, denn beide Eltern arbeiten weiter. Dass sie den zweiten Teil ihrer Auszeit auf Island (Haus am Fjord!) verbringen, sorgt zwar für erneute Abwechslung (Nina findet hier ihre Berufung: „Ich will Feuerwehrmann werden!“), kann aber all die innerfamiliären Konflikte nicht gänzlich vergessen machen.

Ganz so rührend wie zuletzt in der Neuverfilmung von Kästners „Fliegendem Klassenzimmer“ (wo er einen sympathischen Pädagogen gibt) ist Schilling diesmal nicht - man spürt aber in jeder Einstellung, dass er unbedingt in diesen Film gehört. Gibt es doch wenige Schauspieler, die das Lässige mit dem Lädierten auf so charmant-herzerwärmende Art in einem Gesichtsausdruck vereinen können. Wenn Wolf Küper - so der Name seiner Rolle und auch des echten Vorbilds - immer deutlicher spürt, dass auch das „Beach Office“ in Thailand ihn auf die Dauer zu zerreißen droht, findet Schilling dafür die richtige Dosierung aus Verzweiflung und Wut.

Als er schließlich kündigt, antwortet er auf die Frage, wie sich das anfühlt: „Total scheiße, aber irgendwie auch richtig“. Eine Ambivalenz, die sich in seinem Gesicht niederschlägt. Und auch Karoline Herfurth, die hier des Öfteren Tränen in den Augen hat, ist toll. Ihre Figur leidet glaubwürdig unter der eingangs noch sehr unfairen familiären Arbeitsteilung.

Auf den Punkt gebracht

So mainstreamtauglich das Ganze ist: Immer wieder trifft „Eine Million Minuten“ auf überraschende Weise voll ins Schwarze. So etwa mit der Szene, in der Küpers (von Joachim Król gespielter) Vater ihm erklärt, warum er ihn immer nur zu seinem Job befragt: „Ich weiß einfach nicht, worüber ich mit dir sprechen soll“. Pointierter hat die Sprachlosigkeit zwischen zwei Generationen kaum je ein deutscher Filmdialog auf den Punkt gebracht.

Dafür fehlt es dem Film an Schärfe und Bissigkeit. Etwas weniger Rührseligkeit hier und da; zwei, drei Klischees weniger beim Blick auf die ach so hippen, ach so naturburschikosen Isländer; eine spannendere Musikauswahl täten dem Film gut.

Der Abspann ist mit „If I Could Turn Back Time“ unterlegt, dem Popklassiker. Passt zum Film-Thema (wie nutzen wir sinnvoll die uns gegebene Zeit?), ist aber wenig originell. Weiter vorne hören wir „Fake Empire“ der US-Indie-Band The National: Ein Song, der in seiner gedämpften Euphorie besser passt zu diesem streckenweise so märchenhaften, teils aber einfach nur erschreckend realistischem Kinostück. „We're half awake in a fake empire“, heißt es in dem Song. Halbwach in einer falschen Welt - ganz ähnlich wie die durch diesen Film taumelnden, von Herfurth und Schilling so rührend verkörperten Eltern.