Berlin. In diesem Film erzählt Martin Scorsese von einem wenig bekannten Kapitel der jüngeren US-Geschichte. Der famos fotografierte Dreieinhalbstünder wartet mit einer Top-Besetzung auf.

Die sogenannten Osage-Morde waren der erste große Fall des noch jungen FBI. Die US-Bundespolizei bekam es mit einer ganzen Reihe von rätselhaften Todesfällen zu tun: Zwischen 1918 und 1931 wurden mindestens 60 Angehörige des indigenen Stammes der Osage Nation ermordet. Regie-Legende Martin Scorsese („Gangs of New York“) hat sich der tragischen Ereignisse angenommen.

Während deutlich über drei Stunden an packender Unterhaltung erzählt Scorsese davon - freilich nicht, ohne sich zwei der größten US-Darsteller an seine Seite geholt zu haben: Robert De Niro und Leonardo DiCaprio. Der Film startet an diesem Freitag beim Streamingdienst Apple TV.

Öl-Boom - Reichtum - Gier

Die Osage erwarben 1870 ein Gebiet in Oklahoma. In den 1890ern wurden auf diesem Stück Land, dem heutigen Osage County, große Erdölvorkommen entdeckt. Die indigene Community kam zu großem Reichtum, der, das führt Scorsese eindringlich vor Augen, düsterste Begierden in der weißen Mehrheitsgesellschaft weckte. Zu dieser gehört William Hale (Robert De Niro).

Inmitten des Öl-Booms residiert er in der Stadt Fairfax und geriert sich als Wohltäter und Freund der Indigenen. Seine Gier nach Reichtum treibt ihn in ein äußerst perfides Spiel - in das er auch seinen Neffen Ernest Burkhart (DiCaprio), einen zuweilen naiven Kriegsheimkehrer, hineinzieht.

Hale überzeugt seinen Neffen davon, eine der Osage Nation zugehörige Frau zu ehelichen: Die von Lily Gladstone grandios gespielte Mollie Kyle. Bald kommt es zu einem ersten Mord.

Robert De Niro und Leonardo DiCaprio

Lässt man das mehr als ein halbes Jahrhundert umfassende filmische Werk Scorseses Revue passieren, sind sie seine zwei wichtigsten Darsteller: De Niro und DiCaprio. De Niro war lange Zeit der Scorsese-Schauspieler schlechthin. Markerschütternde Leistungen wie im „Taxi Driver“ oder „Raging Bull“ haben tiefe Spuren hinterlassen in der Kinogeschichte.

Und doch stand, spätestens seit „The Departed“, die Frage im Raum, ob DiCaprio De Niro beerben kann. Die vielen gemeinsamen Szenen nun - einmal steht De Niros Figur gebeugt, klein wirkend nebst DiCaprio als Ernest - muten wie die finale Staffelübergabe an. Und das nicht nur, weil De Niro sich in den letzten zehn bis 15 Jahren des Öfteren in manch nur mittelstarker Komödie zeigte.

Golden Globe für Lily Gladstone

Oscar-würdig ist diesmal eine andere schauspielerische Leistung: Das langsame, fast meditative, dabei oft ironische und charmant-warme Spiel Lily Gladstones, sie gewann jüngst den Golden Globe als Beste Schauspielerin in einem Filmdrama. Gladstone, die selbst indigene Wurzeln hat und in einem Reservat groß wurde, verleiht ihrem Spiel eine Würde, die dieser filmischen Verbeugung vor der Osage Nation eine kongeniale Einzelleistung hinzugesellt. Eine Einzelleistung, und das ist nicht hoch genug zu bewerten, die aus einem Ensemble großer Namen des US-Kinos (darunter auch John Lithgow) herausragt.

Und doch, man darf auch schmunzeln in diesem über weite Strecken so tragischen Werk: Etwa, wenn sich DiCaprios längst legendäre Stirnfalte noch ein paar Millimeter tiefer in sein Gesicht einzugraben scheint.

Immer wieder kontrastieren Scorsese und Kameramann Rodrigo Prieto („Barbie“) auf entlarvende Weise das nicht durchweg, aber wiederholt würdelose Verhalten der Weißen gegenüber den Indigenen. Wenn sich DiCaprio ganz banal eine Zigarette in den Mund schiebt, dann sitzt ihm gegenüber die wunderbar elegante Lily Gladstone. Ihre Zigarette steckt nicht einfach im Mund; sie zieht an einem schicken Mundstück.

In dieser Zigarettenspitze steckt eben so viel an Symbolik wie in einer weiteren Szene mit Gladstone und DiCaprio: Während eines Gewitters ermahnt sie ihn in ihrer unnachahmlichen Art, doch einfach mal aus Respekt zu schweigen. Vielsagend auch die vielen Male, in denen Scorsese und Mitdrehbuchautor Eric Roth Ernest Burkhart sagen lassen, wie sehr ihm Geld am Herzen liege (er vergleicht diese Liebe gar mit der zu seiner Frau).

Die Gier nach Mehr

In einer der vielen Szenen, die sich in ihrer Bildgestaltung ganz auf die beiden Figuren DiCaprios und De Niros konzentriert, redet Letzterer seinem Neffen mal wieder ins Gewissen. Nachdem er ihn gefragt hat, wie er es mit der Religion hält, wie er zur Heiligen Schrift steht, holt De Niro seinen Schützling barsch auf den blutigen Boden der hier ziemlich geldgierigen Vereinigten Staaten von Amerika zurück. Mit den Worten, dass es eben solche Wunder wie die in der Bibel beschriebenen nicht mehr gebe.

Martin Scorsese, das hat er nicht nur mit seinen Maßstäbe setzenden Mafia-Epen („Casino“) bewiesen, ist fasziniert von der Gier nach Mehr. „Ich fühle mich“, so Scorsese in einem anlässlich des Films veröffentlichen Statement, „zu diesem Thema hingezogen“. So wie letztlich die Mehrzahl seiner Filme wirft auch dieser auf eine von Macht und Gier besessene weiße US-Kultur kein gutes Licht.

Killers of the Flower Moon, USA 2023, 206 Min., FSK ab 12, von Martin Scorsese, mit Lily Gladstone, Robert De Niro, Leonardo DiCaprio

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