Drama

Pure Lust am Voyeurismus

"Rohtenburg" fehlt nicht nur psychologische Tiefe. Martin Weisz schlachtet den makabren Fall des "Kannibalen" billig und ohne jede Kunstfertigkeit aus

Irgendwo da draußen ist jemand, der zu dir passt", sagt der Stricher, "aber ich bin es nicht." Zuvor hatte der Klient gebeten, man möge ihm doch den Penis abbeißen, was der Liebesdiener jedoch verweigerte. Im Internet findet der Mann schließlich den Peiniger, der seine radikalen masochistischen Fantasien teilt - und später als "Der Kannibale von Rotenburg" vor Gericht stehen soll.

Kein Verbrechen ist grausam und ekelhaft genug, als dass man nicht noch einen Film daraus machen könnte. Der Prozess gegen Armin Meiwes, der den Diplom-Ingenieur Bernd Brandes im März 2001 mit dessen Einverständnis bei lebendigem Leibe kastrierte und nach dessen Tod Teile des Körpers verzehrte, hatte in der deutschen Medienlandschaft für plakative Bestürzung und anhaltendes voyeuristisches Erschauern gesorgt. Da konnte die filmische Ausschlachtung des realen Horrors nicht lange auf sich warten lassen.

Mehr als drei Jahre dauerte das juristische Gerangel um den Film "Rohtenburg", der sich mit Thomas Kretschmann in der Hauptrolle des spektakulären Falles annahm. Nach der Aufhebung des Vorführverbotes durch den Bundesgerichtshof Ende Mai dieses Jahres darf man auch in deutschen Kinos wieder einmal tief in das Reich des Bösen eindringen. Als Reisebegleiterin führen der Berliner Regisseur Martin Weisz und Drehbuchautor T.S. Faull die amerikanische Psychologiestudentin Katie Armstrong (Keri Russell) ein, die für ihre Abschlussarbeit den deutschen Kannibalismus-Fall erforscht.

In unorganisierten Rückblenden wird die Kindheit von Täter und Opfer skizziert. Simon Grombeck (Thomas Huber) leidet nach dem Selbstmord der Mutter an unüberwindbaren Schuldkomplexen. Meiwes alias Oliver Hartwin (Thomas Kretschmann) wächst als eigenbrötlerischer Sohn einer dominanten Mutter auf, dessen sadistische Fantasien durch den regelmäßigen Konsum von Gewaltvideos geradewegs in die Abgründe kannibalistischer Perversion führen.

Natürlich erwartet man von einem Horrorfilm nicht unbedingt tiefschürfende Persönlichkeitsanalysen. Das Ärgerliche an "Rohtenburg" ist allerdings, dass der Film so tut, als habe er mehr im Sinn, als die spekulative Schaulust des Publikums auf die blutige Perversion zu befriedigen. "Rohtenburg" ist ein Horrorfilm mit einem schlechten Gewissen und kann sich - ähnlich wie der öffentliche Diskurs im Fall Meiwes - nicht zwischen dokumentarischem Anspruch und blutrünstiger Unterhaltung entscheiden. Wie sehr der frühere Werbeclip-Regisseur Martin Weisz mit seinem Stoff in der Luft hängt, zeigt sich vor allem in den sinnentleerten Dialogen. Wenn sich der Schlächter und sein Opfer endlich gegenüberstehen, erwartet man mehr als die kargen Drei-Worte-Sätze, die sich Kretschmann und Huber im strömenden Regen zuraunen. Der Versuch, das blutige Finale durch Ästhetisierung zu entschärfen, scheitert schließlich genauso wie die psychologische Erkundung der radikalen Sadomaso-Beziehung.

Auf dem internationalen Markt floppte der Film auch ohne richterliches Verbot. In den meisten Ländern hat es das ungelenke B-Movie gar nicht erst auf die Leinwand geschafft, sondern wurde direkt in die Regale der einschlägigen Videotheken einsortiert. Und selbst dieser Platz ist nicht angemessen.

+---- Rohtenburg Deutschland/ USA 2006, 88 Minuten, ab 18 Jahren, R: Martin Weisz, D: Thomas Kretschmann, Thomas Huber, Keri Russell, täglich im Hansa-Studio; Internet: www.senator.de