Drama

Auf Augenhöhe mit dem Allgäu

Ungewöhnlich und gut: "Der rote Punkt" erzählt von einem lange verborgenen Geheimnis, das Familien verbindet.

Beim Stöbern in einer Abstellkammer findet die junge Japanerin Aki Onodera (Yuki Inomata) eine Deutschland-Karte, auf der mit rotem Filzstift eine Stelle markiert ist. Liegt hier der Schlüssel zu ihrer Kindheit, an die sie sich nur dunkel erinnert? Aki, die in Tokio bei Adoptiveltern wohnt, ist fest entschlossen: Sie muss nach Deutschland, genauer: ins Ostallgäu, zu jenem Ort, auf den der rote Punkt verweist. Gesagt, getan. Und schon steht Aki kurz darauf in einem deutschen Polizeirevier, um nach dem Weg zu fragen. Hier lernt sie den 18 Jahre alten Rowdie Elias Weber (Orlando Klaus) und seinen Vater (Hans Kremer) kennen, die der jungen Japanerin - alle Hotelzimmer sind belegt - kurzerhand Kost und Logis anbieten. Einige Tage später findet Aki die Stelle: Ein Gedenkstein erinnert hier an einen Autounfall, bei dem ihre leiblichen Eltern vor mehr als 20 Jahren starben. Und dann stellt sich heraus, dass ein unterdrücktes Geheimnis die Webers eng mit Akis Familiengeschichte verknüpft ...

Von Tokio ins Allgäu oder eine junge Frau auf der Suche nach ihren Wurzeln, auf den Spuren ihrer Vergangenheit: Die japanische Regisseurin Marie Miyayama, Jahrgang 1972, hat sich für ihren ersten Spielfilm von einer Begebenheit inspirieren lassen, die sich 1987 fast genau so zutrug und von der sie 1998 beim Regie-Studium in München erfuhr. Was die Regisseurin an dieser Geschichte reizte: das Verhalten unterschiedlicher, einander fremder Menschen, die durch einen tragischen Unfall miteinander verbunden sind. Dabei hat jeder seine eigenen Strategien, mit dem Trauma umzugehen. Während Aki beharrlich und bedächtig den Hinweisen folgt und mit einem buddhistischen Ritual ihrer Eltern gedenkt, droht die Familie Weber - das machte schon das erste Kennenlernen im Polizeirevier deutlich - auseinanderzubrechen. Zu viel ist verschwiegen worden, als dass sich die Risse schnell kitten ließen. Miyayama fängt die Sprachlosigkeit ihrer Figuren, ihre Blicke, Gesten und Mimik mit bedächtigen, unaufgeregten Bildern ein. So lässt sie dem Zuschauer Zeit, genau hinzusehen und das Geschehen zu interpretieren. Ein ungewöhnlicher Film.

++++- Der rote Punkt D 2008, 82 Min., o. A., R: Marie Miyayama, D: Yuki Inomata, Hans Kremer, Orlando Klaus, Imke Büchel, Zora Thiessen, täglich im Koralle; www.derrotepunkt-derfilm.de