"Es fiel mir schwer, mich aus dem Schatten meiner Eltern zu lösen"

Charlotte Gainsbourg über ihre Rolle in dem Film "Lemming"

ABENDBLATT: Was halten Sie von der Idee des perfekten Paares in Lemming?

CHARLOTTE GAINSBOURG: Das von mir und Laurent Lucas gespielte Paar der Gettys schwebt auf einer Art Wolke des perfekten Glücks. Sie leben in einem ritualisierten Alltag, haben das Gefühl, nach zwei oder drei Jahren Ehe schon angekommen zu sein. Daher werden sie auch eine Überraschung erleben. Das einzige reale Paar des Film verkörpern die Pollocks: Man spürt, daß sie eine gemeinsame Vergangenheit haben, man erkennt ihre Schwachpunkte.

ABENDBLATT: Sie lassen sich als Mustergattin in den Bann einer anderen Frau ziehen. War es schwer, eine Frau zu spielen, die sich von ihrer imaginären Welt vereinnahmen läßt?

GAINSBOURG: Nein, denn Dominik Moll wollte, daß wir die jeweiligen Szenen ganz realistisch spielen. Ich sollte mich nicht von Benedicte in Alice verwandeln. Erstaunlicherweise fand ich die Verwandlung dann beinahe natürlich.

ABENDBLATT: Welche Wirkung übt Charlotte Rampling im wirklichen Leben auf Sie aus?

GAINSBOURG: Sie hat mich sehr beeinflußt. Sie ist eine faszinierende Persönlichkeit. Ihre Augen und ihre Stimme haben Magie.

ABENDBLATT: Wie gehen Sie mit der Grausamkeit von Menschen wie Alice Pollock (Rampling) um?

GAINSBOURG: Ich glaube, ich hätte ähnlich wie meine Figur reagiert. Abwarten und erst im äußersten Moment zurückschlagen.

ABENDBLATT: Sie spielen in den Filmen Ihres Mannes (Yvan Attal), bei Michel Gondry und bei Iñarritu. Wollen Sie jetzt international berühmt werden?

GAINSBOURG: So was plant man nicht. Ich hatte Glück, daß viele interessante Projekte realisiert wurden. Es war Zufall und gutes Timing.

ABENDBLATT: Fühlen Sie sich anders, wenn Sie in "Der Zementgarten" oder in "21 Gramm" in Ihrer englischen Muttersprache spielen?

GAINSBOURG: Im Englischen muß ich immer auf meinen Akzent achten. Die Erfahrung von " 21 Gramm" war gar nicht so verstörend, wie ich dachte. Kurz vor den Dreharbeiten hatte ich mein zweites Kind bekommen und war ganz mit meinen mütterlichen Gefühlen beschäftigt. Das hat mir die Angst genommen.

ABENDBLATT: Wie vereinen Sie Familie und Karriere?

GAINSBOURG: Bisher habe ich nur ein bis zwei Filme pro Jahr gedreht, da ich jetzt mehr arbeite, wird es immer schwieriger, eine gesunde Balance zwischen Beruf und Privatleben zu finden.

ABENDBLATT: Wollten Sie immer schon Schauspielerin werden?

GAINSBOURG: Nein, ich habe mit zwölf Jahren meine erste Rolle gespielt, aber wußte nicht, wie mir geschah. Mittlerweile spüre ich in vielen Szenen eine innere Bremse. Ich kämpfe dagegen an. In meinen ersten Rollen war ich spontaner, ohne Hintergedanken, kannte kein Kalkül, keine Karrierepläne.

ABENDBLATT: Worin liegen die Vor- und Nachteile, berühmte Eltern wie Jane Birkin und Serge Gainsbourg zu haben?

GAINSBOURG: Ich habe sie lange zu sehr bewundert, so daß ich das Gefühl hatte, zu ersticken. Auf der anderen Seite ist es auch wunderbar, stolz auf seine Eltern zu sein. Sicher habe ich meine erste Rolle in "Paroles et Musique", mit zwölf Jahren, bekommen, weil mich meine Mutter dem Regisseur vorgestellt hatte. Inzwischen habe ich hoffentlich bewiesen, daß ich schauspielen kann. Es fiel mir schwer, mich aus dem Schatten meiner Eltern zu lösen.

ABENDBLATT: Haben Sie sich mittlerweile durch Ihre eigene Familie von Ihren Eltern emanzipiert?

GAINSBOURG: Ja, ich habe durch meine Familie und meine Arbeit mehr Selbstvertrauen gewonnen und kann daher auch mit dem Blick der Außenwelt besser umgehen.