Lieben Sie Hamburg?

"Liebe Grüße, ich"

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Philosophie am frühen Morgen kann furchtbar irritieren. Es begann mit einer herzhaften E-Mail meiner Freundin HB, gezeichnet mit der Schlussformel...

Philosophie am frühen Morgen kann furchtbar irritieren. Es begann mit einer herzhaften E-Mail meiner Freundin HB, gezeichnet mit der Schlussformel: "Liebe Grüße, ich". Das wäre nicht dramatisch, wenn HB die Einzige wäre, die sich weigert, von sich selbst in der dritten Person zu sprechen, da sie schließlich kein Kanarienvogel sei ("Es grüßt Hansi") oder ein affiger Großwesir ("Ihre Excellenz beliebt zu grüßen"). Doch wo es in der Geschäftskorrespondenz inflationär "Beste Grüße" hagelt, süffisant wie "Hochachtungsvoll, Ihr Insolvenzberater", da vermehren sich private Ich-Grüße. "Gruß, ich", "Bis denne, ich", "Der Ü-Wagen sollte eine Minibar haben, findet: ich." Wenn die alle "ich" sind, wer bin ich denn dann?!

Mit der Frage nach der Entstehung des "Ich" und seiner kollateralen Nebenwirkungen für Gesellschaft und persönliche Neurosen haben sich schon die klügsten aller toten Griechen herumgeschlagen. Es gibt Theorien, dass es das "Ich" gar nicht gibt und wir uns nur einbilden, nicht zu "den Anderen" zu gehören; nichts ist dem modernen Menschen unangenehmer, als sich im selben Topf mit anderen zu wissen. Leider, muss "ich" (Wer immer das auch ist) sagen; hätten sich die Ober-Ichs der Schiffbruchbanken nur einmal als Topfinsassen gesehen, hätten sie vielleicht nicht reingespuckt?

Anders die Fische, die im Schwarm schlauer und überlebensfähiger sind als ein "Ich" allein - wenn sie an "ich" denken, denken sie an ihren Haufen Kumpels, der unisono und ohne Absprache einem Hai ausweicht (Ob der mit "Hungrige Grüße: Ich" zeichnen würde?!). Sich da selbstverliebt als Individuum rauszuputzen ("Ich will aber in die andere Richtung!"), kann für einen Egofisch sehr ungesund sein. Bei den Fischtieren ist quasi "Wir" das "Ich". Aha. Und du so?

Sehen Sie, dieses Karussell schepperte mir nach "Liebe Grüße: Ich" durch den Kopf, zum Schluss war ich mir nicht mehr sicher, ob es eine Person meiner fraglichen Art überhaupt gibt oder diese sich nur wünscht, ich zu sein.

Zur Erholung kaufte "ich" mir bei Hummer Pedersen ein schönes Stück Fisch, der arme Kerl wurde in meinem Bauch zu mir - so verbleiben mit herzlichen Grüßen: Wir.

Und wenn "ich" sich verliebt?


Nina George schreibt jede Woche in LIVE und liebt Hamburg.

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