Von Berlin nach New York

Khadija Tariyan hat es an den Broadway geschafft

Khadija Tariyan, in Berlin aufgewachsene Schauspielerin, auf dem Broadway.

Khadija Tariyan, in Berlin aufgewachsene Schauspielerin, auf dem Broadway.

Foto: dpa

Die Berlinerin Khadija Tariyan lebt den Traum Tausender Schauspielerinnen. Und steht jeden Abend am New Yorker Broadway auf der Bühne. Für ihren Job musste sie es nicht nur mit einem sechs Meter großen Affen aufnehmen.

New York. Wie groß sie genau ist, war Khadija Tariyan lange nicht klar. "Ich dachte bis vor einigen Jahren immer 165 Zentimeter, aber dann habe ich erfahren: Es sind in Wirklichkeit nur 158 Zentimeter", sagt die junge Schauspielerin und lacht ein wenig über ihre eigene Unbekümmertheit.

Im Grunde ist es ein unwesentliches Detail, viele Menschen dürften sehr gut durchs Berufsleben kommen, ohne dass jemals ihre Körpergröße eine Rolle spielt. Wer von der Arbeit der Deutschen am New Yorker Broadway hört, dürfte von dieser Unwissenheit doch erst einmal überrascht sein. In dem Stück, in dem sie spielt, ist Größe schließlich alles.

Tariyan steht acht Mal pro Woche in "King Kong" auf der Bühne, einer neuen 35 Millionen Dollar teuren Theateradaption der Affengeschichte, irgendwo zwischen Twenties-Musical und Vergnügungsparkattraktion. Mehr als sechs Meter ist er hoch, der Affe, knapp 1000 Kilogramm schwer - und neben ihrer Rolle als Sängerin und Tänzerin ist Tariyan eine von rund einem Dutzend Technikern und Akrobaten, die den Affen steuern. Während der Show muss sie nicht nur mehrfach ihr Kostüm wechseln, sie klettert auch über den Affen, bewegt an riesigen Seilen seine überraschend detaillierten Augenbrauen oder springt aus mehr als zehn Meter Höhe ab, um mit Hilfe ihres Körpergewichts den riesigen Arm des Gorillas nach oben gleiten zu lassen.

Auch im übertragenen Sinn ist Tariyans Geschichte eine, die Grenzen sprengt: Mit 18 Jahren verließ sie Berlin, um in Connecticut am College Tanz zu studieren. Kurz vor dem Abschluss riet ihr ein Gastdozent, es mal in New York beim Casting von "Fuerza Bruta" zu probieren, einem körperlich anspruchsvollen Stück, in dem von den Schauspielern auch Tanz und Akrobatik verlangt wurden.

"Ich war damals einfach wie ein Schwamm und dachte: Wenn das etwas ist, wovon dir jemand sagt, dass du es machen sollst, dann mach es", erzählt sie. Obwohl sie weder einen Agenten noch professionelle Porträtaufnahmen besaß, wurde sie direkt in Vollzeit verpflichtet. "Ich dachte eigentlich, ich würde nur mal testen, wie es in den USA ist und dann wieder zurück nach Berlin gehen. Aber wenn New York dich aussucht, dann hast du gefälligst hinzuhören." Nach kleineren Rollen in TV-Shows und Streaming-Serien blinkte eines Tages eine SMS mit dem King-Kong-Vorsprechen auf ihrem Handy auf. Obwohl in der australischen Version der Show noch nie eine Frau den Affen gesteuert hat, hatte sie mit ihrem Hintergrund in Akrobatik und Tanz Glück.

"Von Anfang an war der Castingprozess sehr speziell", erinnert sie sich. Statt überkandideltem Einzelkämpfertum stand gemeinsames Yoga auf dem Programm. "Sie wollten überprüfen, ob wir aufmerksam und freundlich sind." Nach der Zusage sollte es noch ein Jahr dauern, bis ein mehrere Monate langer Probenprozess begann. Das Stück feierte am 8. November vergangenen Jahres Premiere. Bei den Kritikern waren die Reaktionen gemischt bis böswillig: Die New York Times schrieb gar von einem "grölenden Schlamassel", einer "den Geist erdrückenden" Aufführung und vom "Elend", das der Kritiker Jesse Green im Publikum empfunden habe.

"Ich habe nicht eine Kritik gelesen", sagt Tariyan. "Und je mehr ich darüber gehört habe, desto mehr entschied ich mich, dass ich es lassen würde". Sie habe schnell erkannt, dass sie an solchen Kritiken wenig ändern könne. "So funktioniert das Geschäft eben: Man bringt etwas an die Leute und bekommt manchmal dafür Prügel. Und dann haben wir aber die Chance, die Menschen individuell zu erreichen. Ich gebe dann mein Bestes, um ihnen meine Geschichte zu erzählen. Das ist alles, was ich tun kann." Wer im Saal des Broadway Theatre dabei ist, spürt, wie sehr das gelingt: In einer Szene tritt King Kong bis an den Bühnenrand und greift in den Raum über das Publikum, viele Zuschauer halten die Luft an.

Tariyans Mutter Gayle McKinney Griffith gehört zu den Gründungsmitgliedern des Dance Theatre of Harlem. Schon als Kind sei sie zum Vortanzen und zu Aufführungen mitgenommen worden, erzählte die Mutter in einem Doppelporträt mit ihrer Tochter im März dem US-Fernsehsender NBC. In dem Artikel war das Alter von keinem der beiden zu lesen. Darauf angesprochen, zeigt Tariyan wieder dieses feine Lächeln, das weiß, wie man sich in einem eingefahrenen Betrieb kleine Freiräume schafft und sagt nur entschuldigend: "Das verrate ich eigentlich nicht."