Theater auf Tuchfühlung

"Mord ohne Leiche" im Dreischeibenhaus

Rainer Philippi spielt den Multimillionär Otto Erich Simon im Stück "Mord ohne Leiche".

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Rainer Philippi spielt den Multimillionär Otto Erich Simon im Stück "Mord ohne Leiche".

Der Fall des spurlos verschwundenen Multimillionärs Simon hielt Düsseldorf jahrelang in Atem. Nun ist der nie aufgeklärte Fall Basis eines spektakulären Theaterprojekts - im berühmten Dreischeibenhaus.

Düsseldorf. Der Zuschauer ist dem Haus ausgeliefert, den Schauspielern, der Kö und der Gier nach Geld.

Ein spektakuläres Theaterprojekt im berühmten Düsseldorfer Dreischeibenhaus - einer Ikone des Wirtschaftswunders und einem der ersten Hochhäuser der Bundesrepublik - lässt den Zuschauer zum Mitspieler in einem mysteriösen Kriminalfall werden.

An diesem Samstag (4.3.) feiert die subversive szenische Installation "Die dritte Haut: Der Fall Simon" des Theaterkollektivs Bernhard Mikeska, Lothar Kittstein und Alexandra Althoff ihre Uraufführung. Es ist Theater hautnah, ohne Bühne, der Zuschauer ist allein mit den Schauspielern und schaut ihnen direkt in die Augen.

Basis des Stücks ist der authentische Fall des Mulimillionärs Otto Erich Simon, der 1991 spurlos verschwand und Häuser auf der noblen Düsseldorfer Königsallee hinterließ, deren Wert allein wegen der Grundstücke auf über 80 Millionen Euro geschätzt wurde. Die Leiche des damals 71-Jährigen wurde nie gefunden. Doch ein Baulöwe präsentierte gefälschte Verträge, wonach Simon ihm die Filetstücke zu einem Spottpreis überlassen haben sollte. 1994 begann ein aufsehenerregender Indizienprozess um den "Mord ohne Leiche", der 1996 platzte. Simon ist bis heute verschwunden.

Alle zwölf Minuten wird ein Zuschauer - besser sollte man ihn "Besucher" nennen - im schwarz-verspiegelten Foyer des Dreischeibenhauses aufgerufen und in das Spiel entlassen. Dann ist man auf sich allein gestellt. Eine Bühne gibt es nicht, stattdessen geht der Zuschauer buchstäblich "auf Tuchfühlung" mit den vier Schauspielern Tabea Bettin, Andreas Grothgar, Konstantin Lindhorst und Rainer Philippi. "Der Hauptdarsteller ist der Zuschauer", sagt Althoff.

Über Kopfhörer kommt der Befehl, einen verspiegelten Glaskasten zu betreten. Dort trifft man in einem schäbigen Zimmer mit Matratzenlager auf den Multimillionär Simon - und plötzlich ist der Zuschauer in der Rolle des gierigen Spekulanten. Weiter geht es nach oben, die Augen verbunden, in den 22. Stock. In einem Saal mit schwarzem Steinway-Flügel vor einer riesigen Spiegelwand steckt man nun in der Haut von Simon, der von einem schmierigen Immobilienhai bearbeitet wird. Soll man mitspielen? Etwas sagen?

Bis in die tiefsten Keller des Dreischeibenhauses führt das Stück. Unten in einem fensterlosen Raum ist man einem Mann in löchrigem Anzug ausgeliefert. Es gibt scheinbar keine Grenze mehr zwischen Spiel und Realität, Charaktere lösen sich auf, Gut und Böse sind nicht mehr zu unterscheiden. Was lauert hinter der nächsten Tür?

Eine Stunde dauert das perfide Spiel bis zu seiner großartigen Auflösung. Die drei Theaterkünstler haben auch schon in Heidelberg ein altes Gefängnis bespielt und die Gänge unter dem Münchner Cuvilliés-Theater. Immer sind es aufwühlende Szenarien, die den Zuschauer auf sich selbst, seine geheimsten Wünsche und Ängste zurückwerfen.

Das Düsseldorfer Schauspielhaus hat mit diesem Projekt zwischen Kunst und Theater in einem der spannendsten Gebäude der Stadt wieder einmal einen Coup gelandet. Gleich neben dem hochstrebenden Dreischeibenhaus aus Glas und Stahl liegt gedrungen und verwaist das weiße Schauspielhaus, das über Jahre wegen Sanierungen drinnen und draußen geschlossen ist. Der neue Intendant Wilfrid Schulz muss zwar mit seinem Ensemble durch die Stadt vagabundieren. Doch er schafft es, aus dieser Notlage eines der derzeit spannendsten Theaterexperimente in einer Großstadt zu machen.

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