Lost in Heilbronn

Cihan Acars starker Debütroman

Cover des Buches "Hawaii" von Cihan Acar.

Cover des Buches "Hawaii" von Cihan Acar.

Foto: dpa

Zwischen allen Stühlen: Cihan Acar hat einen starken Debütroman geschrieben über die Identitätssuche junger türkischer Migranten.

Berlin. Hawaii - wer denkt dabei nicht an Sonne, Strand und Südseeparadies? Da klingt es wie bittere Ironie, dass ausgerechnet ein Problemviertel Heilbronns so heißt, ein sozialer Brennpunkt in einem Industriegebiet mit vielen Migranten und Armen.

Dieses hässliche Quartier mit dem verheißungsvollen Namen ist der Hotspot in Cihan Acars erstem Roman. "Hawaii" ist eine wundervoll raue Liebeserklärung an seine Heimat zwischen Lidl, Knorr und Audi. Es ist aber auch ein aktuelles Gesellschaftsporträt, das weit über Heilbronn hinaus geht.

Kemal Arslan ist der Held des Romans. Er ist jung, berühmt und gescheitert. Noch vor kurzem war er der Star eines großen türkischen Fußballvereins. Er verdiente viel Geld, die Fans lagen ihm zu Füßen. Doch dann verursachte er einen Autounfall, brach sich den Fuß, und vorbei war es mit der Kicker-Karriere. Nun ist Kemal zurück in Heilbronn, in Hawaii. Sein Siegerimage ist futsch, er hat kaum Geld, keinen Job und seiner Freundin hat er schon vor längerem den Laufpass gegeben.

Sein schöner Jaguar steht kaputt in einer Tiefgarage rum. Kemal ist deprimiert: "Ich schau nur nach hinten, nie nach vorne. Ich bin einundzwanzig und denke wie einer, der schon alles hinter sich hat. So was ist nicht gesund. Ich müsste gerade die beste Zeit meines Lebens haben." Es folgt ein wildes Wochenende kreuz und quer durch Heilbronn, eine Achterbahnfahrt der Sinnsuche durch türkische Kaffeehäuser, Striplokale und Wettbüros, ein Hin- und Her-Zappen zwischen ganz unterschiedlichen Milieus und Lebenswelten. Kemal versucht, überall anzuknüpfen und ist doch nirgendwo wirklich zu Hause. Sein Vater will ihn in die bürgerliche Spur zurückbringen und vermittelt ihm ein Bewerbungsgespräch beim Geschäftsmann Tayfun. Aber der entpuppt sich als bestechlicher Aufschneider, der gefälschte Rolex-Uhren verschenkt und zu allem Überfluss nicht einmal ordentlich Türkisch spricht.

Freund Emre gibt Kemal einen todsicheren Tipp, schnell an Geld zu kommen: eine Fußball-Wette mit einem geschmierten Spieler. Doch trotz der gekonnten Showeinlagen des Fußballers oder gerade deswegen geht die Sache nach hinten los und Kemal verliert noch sein letztes Geld. Acar schildert diese und andere Szenen beinahe filmreif mit beißender Situationskomik.

Ein anderer Teil des Romans spielt jenseits von Hawaii in der Upperclass Heilbronns. Auf einer Party versucht Kemal, seine Ex-Freundin Sina zurückzugewinnen, die er in der Zeit seines flüchtigen Ruhms schmählich sitzengelassen hat. Doch in der hochgestochenen Umgebung des arrivierten Bürgertums wirkt der gescheiterte Fußballer wie ein Fremdkörper, dem man deutlich zu verstehen gibt, dass er als türkischer Migrant nicht dazugehört. Ernüchtert steigt Kemal wieder hinab zum "Rest der Stadt, zum Dampf und Rauch, zum Lärm und Geschrei", nur um festzustellen, dass er auch dort nicht mehr richtig verwurzelt ist. Er ist und bleibt "der Typ zwischendrin."

An diesem Roman gibt es eigentlich nur eins zu kritisieren, das überspitzte Finale mit den bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen zwischen einer rechten Bürgerwehr und einer migrantischen Schlägertruppe. Dieser dystopische Showdown stört ein bisschen das sonst so stimmige Werk, das einen Großteil seiner Kraft gerade aus seiner Authentizität zieht. Sprachlich und atmosphärisch ist Acar, der gebürtige Heilbronner und erklärte Fußballfan, immer ganz nah dran am Milieu, er erzählt frech und witzig, aber auch nachdenklich und melancholisch und liefert so ein treffendes Porträt unserer Gegenwart.

Cihan Acar: Hawaii. Hanser Berlin, München, 254 Seiten, 22 Euro, ISBN 978-3-446-26586-8