"Der zweite Schlaf"

Bei Robert Harris ist die Vergangenheit Zukunft

Robert Harris bei einer Lesung auf der Lit.Cologne 2016.

Robert Harris bei einer Lesung auf der Lit.Cologne 2016.

Foto: dpa

Ins tiefe Mittelalter führt Robert Harris in seinem neuen Roman "Der zweite Schlaf". Aber nur auf den ersten Blick. Im Laufe der Erzählung werden immer neue Schichten einer Vergangenheit sichtbar, die in Wahrheit eine Zukunft ist.

Berlin (dpa) – In eine mittelalterliche Welt führt der Bestsellerautor Robert Harris (Pompeji"; in seinem neuen Roman "Der zweite Schlaf": "Am Spätnachmittag des neunten Tages im April des Jahres Unseres Auferstandenen Herrn 1468 suchte ein einsamer Reiter seinen Weg." Der junge Priester Christopher Fairfax ist auf dem Weg in ein abgelegenes Dorf. Der dortige Geistliche ist tödlich verunglückt, und Fairfax soll den Trauergottesdienst leiten.

Aber schon bald wird deutlich, dass das Jahr 1468 des Romans nicht viel zu tun hat mit der Zeit kurz vor der ersten Reise von Kolumbus nach Amerika. Nachdem Fairfax sein Ziel erreicht hat, setzen einige unerwartete Wendungen ein. Zwar sind die Lebensbedingungen der Menschen primitiv, ärmlich und schmutzig, aber dem verstorbenen Priester gehörte eine exquisite Bibliothek.

Als Fairfax diese Bücher sieht, bestätigt sich das Gerücht, der alte Pfarrer sei ein Ketzer gewesen. In der Bibliothek stehen Bücher der "Gesellschaft für Altertumsforschung". Diese Gesellschaft wurde von der Kirche, die weltliche und geistliche Macht in sich vereint, für ketzerisch erklärt und bekämpft. Überhaupt gilt die Beschäftigung mit der Vergangenheit als Sünde.

Die Bücher als solche sind schon verdächtig genug, aber wahrlich verräterisch ist die Vitrine, in der Pfarrer Lacy seine Fundstücke gesammelt hatte: "Der Besitz all dieser Gegenstände war illegal: Münzen und Plastikbanknoten aus dem Elisabethanischen Zeitalter, Kugelschreiber, schmale Blechdosen und eines jener Geräte, die von den Vorfahren benutzt wurden, um sich auszutauschen. Auf der Rückseite prangte das endgültige Symbol für die Blasphemie der Vorfahren – ein angebissener Apfel."

All dies dürfte es nicht geben im Jahr 1468. Fairfax weiß wohl, dass es einmal einen kompletten Zusammenbruch der Gesellschaft gegeben hat, auf den jahrzehntelanges Chaos folgte. Nach einiger Zeit hatte es dann unter strenger Führung der Kirche einen gesellschaftlichen Neustart auf ganz niedrigem Niveau gegeben. Dazu gehörte auch eine veränderte Zeitrechnung, nach der die Menschen jetzt leben. Anstatt in der Vergangenheit spielt "Der zweite Schlaf" also in der Zukunft.

Für Fairfax beginnt ein wichtiger Lernprozess, der dazu führt, sein Weltbild komplett infrage zu stellen. Er bleibt länger als geplant in dem Dorf, macht gänzlich unerwartete Erfahrungen und versucht herauszufinden, was an dem Gerücht stimmt, dass der alte Pfarrer ermordet wurde. Immerhin war der Geistliche an einem "Teufelsstuhl" genannten Hügel gestorben, auf dem ein geheimnisvoller Turm steht.

Gemeinsam mit einem alten Wissenschaftler, einer Grundbesitzerin und einem Mühlenbesitzer macht sich Fairfax daran, die Todesumstände des alten Priesters aufzuklären. Daneben hofft er herauszufinden, was an den Geschichten aus den alten Büchern wahr ist. "Der zweite Schlaf" wird so zu einem Abenteuerroman über eine Schatzsuche, die für alle Beteiligten gänzlich unerwartete Ergebnisse bringt.

Robert Harris hat in den vergangenen Jahren zahlreiche Romane veröffentlicht, die zumeist in der Antike spielen. Dabei ging es ihm nicht so sehr um die Darstellung vergangener Zeiten als vielmehr um Machtstrukturen.

So ist es auch bei "Der zweite Schlaf". Gemeinsam mit Fairfax erfahren die Leser, wie der Zusammenbruch der Gesellschaft im 21. Jahrhundert zur Katastrophe führte: Auslöser war ein allgemeines Technikversagen. In einem Interview mit der "Irish Times" erzählte Harris, wie skeptisch er gegenüber der zentralen Bedeutung der Technologie in der modernen Welt ist: "Alles um uns herum ist so hoch entwickelt und die Zivilisation so sehr spezialisiert, dass es mir äußerst verwundbar erscheint."

"Der zweite Schlaf" spielt mit der Idee, welche langfristigen Folgen eine solche Katastrophe haben könnte. Die Grundstimmung ist eine der Verunsicherung. Der drohende Brexit ist Harris dabei eine zusätzliche Motivation gewesen, wie er im Interview sagt. "Ich halte den Brexit für eine Anmaßung. Vielleicht werden wir ihn gut überstehen. Vielleicht auch nicht." Aus diesem Gefühl heraus hat er einen spannenden Roman geschaffen, der immer wieder neue und überraschende Wendungen ins Spiel bringt.

Robert Harris: Der zweite Schlaf. Heyne Verlag, München, 416 Seiten, 22 Euro, ISBN 978-3-453-27208-8